Briefings#111.04.2026
Wenn das System nicht liefert
Die Regierung hat eine neue Lieblingsvokabel – Eigenverantwortung. Was sie damit verschleiert, und wer den Preis dafür zahlt.
Hallo zusammen,
willkommen zur ersten Ausgabe des Mehrheit Machen Brief. Diesen erhältst Du ab jetzt jede Woche. Was ist in dieser Woche passiert, was bedeutet es und was kannst Du tun. Hier entscheidet kein Algorithmus, ob Du diese E-Mail liest. Kein Sponsor bestimmt, worüber ich schreibe – und das ist der Vorteil einer E-Mail.
Los geht’s.
Diese Woche, erklärt
Die Regierung hat eine neue Lieblingsvokabel: Eigenverantwortung.
Wirtschaftsministerin Reiche will das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln. Klingt erstmal logisch. Bis man sich eine Zahl ansieht: Arme Männer leben im Schnitt 8 bis 10 Jahre kürzer als reiche. Rente mit 70 heißt für einen Dachdecker etwas völlig anderes als für einen Ministerialbeamten.
Gleichzeitig: Diesel bei 2,44 Euro, der Iran-Waffenstillstand hält gerade so, und die CDU fordert, die CO2-Abgabe auszusetzen. Der Trick ist elegant – man lenkt auf die 18 Cent CO2-Abgabe pro Liter, während der Iran-Krieg über 50 Cent draufgepackt hat. Das eine kontrolliert die Regierung. Das andere nicht. Es ist klar, worüber die aktuelle Regierung nicht reden möchte.
Und dann die Krankenkassen: 66 Reformvorschläge, fast alle auf Kosten der Versicherten. GKV-Chef Reimann will Strafsteuern auf Zucker und Alkohol – bezahlt von allen. Dass Kapitalerträge keinen Cent in die Kasse zahlen und die Beitragsbemessungsgrenze bei 5.812 Euro einfriert? Kein Vorschlag.
Das Muster dieser Woche: Wenn das System nicht liefert, soll der Einzelne es richten. Gesünder leben. Länger arbeiten. Weniger fahren. Die Systemfrage wird konsequent vermieden.
15 % Regierungszufriedenheit. Die AfD nur noch einen Punkt hinter der Union. Man fragt sich, warum.
Zahlen der Woche
- 21 Mio. € – der Zusatzgewinn, den Shell und Aral pro Tag durch die Energiekrise machen. Fünf EU-Finanzminister fordern eine Übergewinnsteuer. Merz blockiert.
- 9.000 – so viele Menschen sitzen in Deutschland im Gefängnis, weil sie eine Geldstrafe fürs Schwarzfahren nicht bezahlen konnten. Kosten für den Staat: 200 Mio. Euro im Jahr. Ein Sozialticket würde weniger kosten.
- 94 % – die Urabstimmungs-Quote der 20.000 Lufthansa-Flugbegleiter für den Streik. Der Konzern hat ihre Airline geschlossen und eine billigere Tochter gegründet. Fliegen wird teurer, die Löhne sinken. Für wen?
Was ich diese Woche gelernt habe
Eine Studie, die mich nicht loslässt: Gefühlte Unsicherheit treibt Menschen nach rechts. Tatsächliche Prekarität treibt nach links. AfD-Wähler sind oft nicht die wirklich Abgehängten – sondern Festangestellte mit Abstiegsangst.
Das heißt: Die Erzählung entscheidet. Nicht die Lage. Wer kontrolliert, wie sich Menschen fühlen, kontrolliert, wie sie wählen. Das ist kein Verschwörungsding – das ist Kommunikationsforschung.
Und es erklärt, warum „Eigenverantwortung“ so gut funktioniert als politisches Narrativ. Es gibt Dir das Gefühl von Kontrolle. Auch wenn Du keine hast.
Zum Weiterlesen
Die Fakten aus diesem Brief findest Du als Argument-Karten auf mehrheitmachen.de – zu Steuern, Rente, Gesundheit und mehr. Mit allen Quellen, zum Nachschlagen und Teilen.
Demokratie braucht informierte Bürgerinnen und Bürger. Wenn Du jemanden kennst, der diese Zusammenhänge kennen sollte – leite diesen Brief weiter.
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Bis nächste Woche, Lorenz
Quellen dieser Ausgabe
- Wirtschaftsministerium / Reiche Rentenalter: handelsblatt.com, tagesspiegel.de (10.04.2026)
- Lebenserwartung nach Einkommen: RKI Gesundheitsberichterstattung 2024
- Dieselpreise / CO2-Abgabe: ADAC Spritpreismonitor, adac.de
- Shell/Aral Zusatzgewinne: Spiegel, Reuters (09.04.2026)
- GKV-Reformvorschläge: evangelisch.de, focus.de (30.03.2026)
- Schwarzfahren Inhaftierungen: Strafvollzugsstatistik, Destatis
- Lufthansa Urabstimmung: tagesschau.de (10.04.2026)
- Sipma-Studie gefühlte Unsicherheit: European Sociological Review 2024
- Regierungszufriedenheit 15 %: Infratest dimap (08.04.2026)
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