08.01.2026/Essay

Tennis statt Krisenmanagement: Warum falsche Sündenböcke uns nicht wärmen

Während 45.000 Berliner Haushalte im Dunkeln saßen, gönnte sich der Regierende Bürgermeister eine Auszeit auf dem Tennisplatz. Doch der Skandal ist nicht nur das fehlende Fingerspitzengefühl von Kai Wegner. Der Skandal ist, wie wir jetzt versuchen, die Schuldigen zu finden – und dabei einer gefährlichen Logik auf den Leim gehen.


Ich weiß, was Sie letzten Samstag getan haben. In unserer heutigen, total vernetzten Welt kann sich niemand mehr verstecken – eine Lektion, die nun auch Berlins Regierender Bürgermeister, Kai Wegner, auf die harte Tour lernen musste.

Die Situation war ernst: Der größte Stromausfall der Nachkriegszeit legte Teile der Stadt lahm. Rund 45.000 Haushalte und Institutionen waren betroffen. Kühlschränke tauten ab, Heizungen fielen aus, Menschen saßen im Kalten. In genau diesem Moment entschied der Bürgermeister, dass es an der Zeit sei, „den Kopf freizubekommen“. Er stand nicht im Krisenstab, er stand auf dem Tennisplatz. Eine Stunde Matchball statt Krisenmanagement. Pikantes Detail am Rande: Seine Doppelpartnerin war niemand Geringeres als Katharina Günther-Wünsch, Berlins Bildungssenatorin. Dass die Öffentlichkeit davon erfuhr, verdanken wir ihrem eigenen WhatsApp-Status. Ein Sinnbild für politische Instinktlosigkeit in Echtzeit.

Berlin kann Krise – aber kann es auch Management?

Dass Berlin Krisen aushalten kann, haben die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt oft genug bewiesen. Die Leidensfähigkeit ist hoch, der Galgenhumor legendär. Doch am Krisenmanagement der Führungsetage muss dringend gearbeitet werden. Welche Lehren zieht der Senat aus einem Blackout dieses Ausmaßes?

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Die erste Lehre sollte banal sein: Wenn die Stadt dunkel ist, bleibt der Tennisschläger im Schrank. Das ist eine Frage des Respekts vor denen, die frieren.

Die zweite Lehre ist technischer, aber umso gravierender: Es kann nicht sein, dass die Versorgungssicherheit von 45.000 Haushalten an einem einzigen Kabel hängt. Wir müssen über Redundanzen sprechen. Und wir müssen darüber sprechen, dass kritische Infrastruktur, wenn sie denn schon solche eklatanten Schwachstellen („Single Point of Failure“) aufweist, lückenlos überwacht werden muss. Ein System, das nicht bis morgen repariert werden kann, muss zumindest heute so scharf bewacht werden, dass Ausfälle sofort verhindert werden können.

Feueralarm und falsche Fährten

Der konkrete Fall im Berliner Südwesten wirft dabei noch düstere Fragen auf. Eine Kabelbrücke in Lichterfelde brannte, mutmaßlich durch Brandstiftung. Ein Bekennerschreiben der linksextremen „Vulkangruppe“ tauchte auf, doch Sicherheitsexperten und Beobachter sind skeptisch. War es wirklich politischer Protest von links, oder haben wir es mit einer „False Flag“-Aktion zu tun? Einer gezielten Destabilisierung, die nur so aussehen soll, als käme sie aus der linken Szene, um die Gesellschaft weiter zu spalten?

Doch ganz gleich, wer das Streichholz entzündet hat – ob Extremisten, Saboteure oder ausländische Akteure: Die politische Bankrotterklärung bleibt dieselbe. Dass ein einzelnes Feuer an einer Brücke ausreicht, um Zehntausenden Menschen tagelang Strom und Wärme zu rauben, ist kein Schicksal. Es ist das Ergebnis jahrelanger Vernachlässigung. Wir haben unsere Kritische Infrastruktur auf Kante genäht.

Gefährliche Scheindebatten: Kiew ist nicht schuld an Lichterfelde

Inmitten der kalten Wohnungen bahnt sich nun ein weiteres, toxisches Narrativ seinen Weg durch die Kommentarspalten. „Für die Ukraine haben wir Milliarden“, heißt es dort immer lauter, „aber für den Schutz unserer eigenen Stromleitungen ist kein Geld da.“

Dieser Impuls ist verständlich, aber er führt in die Irre. Mehr noch: Er ist genau das, was die Brandstifter – wer auch immer sie sind – erreichen wollen. Sie wollen, dass wir uns gegenseitig zerfleischen.

Wer unsere Sicherheit zu Hause gegen die Hilfe im Ausland ausspielt, vergleicht Äpfel mit Tennisbällen. Das Kabel in Lichterfelde ist nicht ungeschützt, weil wir der Ukraine helfen. Es ist ungeschützt, weil hierzulande über Jahre an der Infrastruktur gespart wurde und Sicherheitskonzepte fehlten. Deutschland ist eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt. Wir müssen uns nicht entscheiden zwischen Solidarität gegen Diktatoren in Europa und warmen Heizungen in Steglitz. Wir haben die Ressourcen für beides.

Was uns fehlt, ist nicht das Geld. Es ist der politische Fokus. Wir brauchen keine Politiker, die sich wegducken oder Bälle schlagen, wenn die Krise da ist. Wir brauchen ein Management, das unsere Infrastruktur so resilient macht, dass niemand uns einfach so das Licht ausknipsen kann. Fordern wir endlich Kompetenz und Sicherheit, statt Sündenböcke im Ausland zu suchen. Punkt.

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