Die naheliegende Antwort
Berlin hat gewählt, und Bündnis 90/Die Grünen haben das schlechteste Ergebnis seit 2006 eingefahren. Was macht man, wenn man eine Wahl verliert? Richtig, man tauscht erst mal das Spitzenpersonal aus. Das fordert zumindest der Kreisverband Mitte: „Die Führungsspitze muss Verantwortung für Aufstellung und Wahlergebnis übernehmen und zurücktreten.“ Der Stadtrat aus Mitte, Christopher Schriner, sagt: „Wer schon im Wahlkampf nicht führen konnte, sollte das auch später nicht tun.“ Dass der Kreisverband Mitte seit dem Parteitagseklat im Dezember 2023 mit dem Landesverband über Kreuz liegt, weil er den Links-Kurs der Partei kritisiert, ist kein Geheimnis. Rücktrittsforderungen sind nach einem Ergebnis von 14,3 Prozent nachvollziehbar. Doch die naheliegende Antwort ist die falsche.
Fürs Protokoll: Ich bin Grünen-Mitglied, und im November habe ich in einem Essay gefragt, ob die Partei rechtzeitig lernt. Die Antwort auf die Wahl ist nicht, einen anderen Kopf an die Spitze zu setzen, sondern dafür zu sorgen, die Maschine zu ändern, die diese Köpfe hervorbringt. Die Linke hat diesen Wahlkampf mit Mieten gewonnen. Die Grünen haben ihre Jungen verloren. 57.000 Menschen, die 2023 noch grün gewählt haben, wählen jetzt Linke. In Friedrichshain-Kreuzberg gingen alle fünf Wahlkreise an die Linke, 2023 hatten die Grünen dort noch fünf von sechs gewonnen. Wohnen ist für 53 Prozent das wichtigste Problem. 34 Prozent trauen hier der Linken am meisten zu, 4 Prozent den Grünen. Das kann man mittlerweile in jedem zweiten Artikel nachlesen. Das grüne Ergebnis war absehbar, und die Erklärung vom Wahlabend greift für mich zu kurz. Im BerlinTrend zehn Tage vorher standen die Grünen bei 16 Prozent, und ihr Spitzenkandidat war rund zwei Dritteln der Berlinerinnen und Berliner nicht oder zu wenig bekannt. Ende August waren 77 Prozent mit dem schwarz-roten Senat unzufrieden. Davon profitierte die Linke, nicht die Grünen, obwohl beide in der Opposition saßen. Felix Banaszak, der Bundesvorsitzende, gab zu Protokoll: „Diese Stadt ist eine gespaltene Stadt.“ Werner Graf sagte: „Viele, die sichergehen wollten, dass die CDU nicht in der Regierung ist, haben die Stimme dann für die Linken gegeben.“ Elina Schumacher von der Grünen Jugend, neu im Abgeordnetenhaus, sagt: „Aber trotzdem war die Linke die Gegenspielerin zur CDU, und leider nicht die Grünen.“ Strategisches Wählen erklärt, warum die Stimmen wanderten. Es erklärt nicht, warum die Linke als Gegenspielerin der CDU galt und die Grünen nicht.
Ein neuer Kopf allein ändert daran wenig. Die eigenen Wähler sehen es ähnlich. Menschen, die Grün gewählt haben, geben als Grund an: das Programm mit 65 Prozent, Parteibindung mit 29 Prozent und den Kandidaten mit nur 6 Prozent. Die Linke zeigt dasselbe Bild: Nur 15 Prozent der linken Wähler nennen Elif Eralp als Hauptgrund für ihre Wahlentscheidung. Sicherlich kann eine charismatische Führungsfigur das Wahlergebnis einer Partei positiv beeinflussen. Doch das Personal ist selten die Ursache dafür, als Partei nicht gewählt zu werden. Die Forschung zu Führungswechseln kommt zum selben Ergebnis. Pedersen und Schumacher haben über 100 Führungswechsel in Umfragen und die Wahlergebnisse aus 15 Ländern untersucht. Im Monat des Wechsels zeigt sich ein kleines Plus, das nach wenigen Monaten verschwunden ist. Zitat: „Parties that changed leader do not do better at the next election.“ Wählerinnen und Wähler bewerten den Kopf vor allem danach, wie sie die Partei bewerten. Ein neuer Kopf macht die Position einer Partei für Wähler vor allem dann klarer, wenn er ihre Linie sichtbar ändert.
Waren wir am selben Ort?
Ein Kongress wollte das Lagerdenken hinter sich lassen. Die Zeitung sortierte ihn zurück in den Parteienwettkampf. Über ein Leseraster, das die eigentliche Bewegung der Zeit verpasst – und warum ich das gerade als Parteimitglied sage.
→ WeiterlesenBerlin passt doppelt in dieses Muster. Im Juli verzichtet der Regierende Bürgermeister Kai Wegner auf die Spitzenkandidatur, Stefan Evers übernimmt. 77 Prozent finden das richtig. Eine Umfrage vor der Wahl zeigte einen Sprung von 17 auf 20 Prozent für die CDU. Das ist der kurze Schub, den die Forschung beschreibt. Mit der Wahl erreichte die CDU noch 18,8 Prozent, ein Minus von 9,5 Prozentpunkten im Vergleich zur letzten Wahl. Dahinter steht auch die Unzufriedenheit mit dem Senat. Der neue Kopf hat sie nicht aufgefangen. Seit 2020 hat die SPD dreimal ihren Landesvorsitz gewechselt. Dabei verlor sie zunehmend an Zustimmung: von 21,6 auf 21,4, dann 18,4 auf jetzt 12,1 Prozent. Gut die Hälfte der Wahlberechtigten hält sie für zu zerstritten, um Berlin zu führen. Die Wechsel an der Spitze waren selbst ein Symptom dieses Streits. Auch wenn ich einen Mercedes-Stern auf dem Kühlergrill eines Toyotas montiere, bleibt es im Kern ein Toyota.
Ein Duo als Antwort nach innen
Werner Graf aus dem linken Flügel der Partei wird im Juli 2025 als Kandidat für das Rote Rathaus präsentiert. Das kam für viele in der Partei überraschend. Einzelne Abgeordnete kritisierten, es sei im engsten Kreis des Vorstands entschieden worden. Einen Mitgliederentscheid für diese Spitzenkandidatur gab es nicht. Bettina Jarasch, vom Realo-Flügel und Co-Fraktionschefin, die bereits zweimal die Grünen als Spitzenkandidatin anführte, bekommt Listenplatz 1 und wird ihm an die Seite gestellt. Meines Erachtens hatte die Wahl eines Duos zwei Motive: Werner Graf sollte von Jaraschs Bekanntheit profitieren, und das Duo sollte die Flügel für den Wahlkampf befrieden.
Nach außen hat das Duo niemand verstanden, nach innen kaum jemand. Werner Graf blieb rund zwei Dritteln unbekannt, und die Zufriedenheit mit seiner Kandidatur blieb bei 11 Prozent. Bekanntheit lässt sich leider nicht ausleihen. Nur 39 Prozent der eigenen Anhänger hielten Graf vorher für einen guten Regierenden. Elif Eralp kam bei ihnen auf 34 Prozent. Die Böll-Stiftung formulierte: Die Kampagne blieb „indifferent zwischen Mitregieren und Regierungsführung, zwischen Personalisierung und Doppelspitze“. Ein Duo, das nach innen einen Konflikt stilllegen soll, kann nach außen keine glaubhafte Geschichte erzählen. Die Aufteilung folgte einer Parteiarithmetik. Eine Botschaft war darin nicht zu erkennen. Den Berliner Grünen fehlt stadtweit bekanntes, kräftiges Spitzenpersonal. Deshalb tat man sich mit der Kandidatenfrage so schwer. Die ARD-Analyse zeigt: Kein Kandidat 2026 kommt „auch nur ansatzweise“ an frühere Werte heran. Renate Künast hatte im Jahr 2011 43 Prozent Zufriedenheit. Graf 2026: 11 Prozent. Der Kreisverband Mitte sagt selbst: „Berlin ist insgesamt unzufrieden mit dem Spitzenpersonal, aber mit unserem seit 2021 am meisten.“ Ursächlich hat die Partei zu wenige Leute aufgebaut, die die ganze Stadt kennt. Warum ist das so? Weil man sich seit einigen Jahren ritualisiert in Selbstbeschäftigung ergeht. Ein gemeinsames Vorgehen muss zwischen den Flügeln ausgehandelt werden. Sei es eine Kandidatur, Listenplätze, ein Programm, Doppelspitzen in Partei und Fraktion: Jede dieser Entscheidungen ist ein Flügelkompromiss. Das zeigt sich in der Zusammensetzung des Landesvorsitzes und in der Fraktion. Mitunter dauern Aushandlungen so lange, dass viele nicht mehr wissen, worum es ursprünglich ging. Wer nach oben kommt, kommt über Balance, nicht über Ausstrahlung. So entsteht kein Personal, das eine Stadt begeistert. Eine Option auf Erfolg hat die Person in der Partei, die genug Sitzfleisch mitbringt, um den stundenlangen Aushandlungsprozessen beizuwohnen, und die zäh genug ist und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. So wird neue Energie oft erstickt, bevor sie sichtbar wird.
Die jetzt laut werdenden Rücktrittsforderungen sind selbst Teil der Maschine. Sie zielen auf Personen, nicht auf das Verfahren, das diese Personen hervorbringt. Sie kommen aus dem Realo-Kreisverband Mitte, der seit dem Parteitagseklat im Dezember 2023 mit dem Landesverband über Kreuz liegt. Schon im Juni 2025 sprach sich der Kreisverband gegen eine erneute Kandidatur von Bettina Jarasch aus. Die Aufarbeitung beginnt also als nächste Runde derselben Auseinandersetzungen. Dabei hatte Mitte schon im November 2024 eine Mitgliederbefragung zur Spitzenkandidatur verlangt. Der Vorschlag war richtig, er ging im Flügelstreit unter.
Bezeichnend ist, worüber niemand spricht. Die Kandidaten stehen in jeder Schlagzeile, der Landesvorstand in keiner. Dabei hat er das Duo vorgeschlagen und die Kampagne verantwortet. Auch er ist ein Flügelkompromiss, eine Doppelspitze aus beiden Lagern. Gewählt wird er von Delegierten, und auf dem Landesparteitag hat der linke Flügel die Mehrheit. Wer in den Vorstand will, braucht in dieser Logik einen Flügel hinter sich. So stellt die Maschine bei jeder Wahl sich selbst wieder her. Wer Konsequenzen will, muss dort ansetzen. Zwei Gesichter auf dem Plakat auszutauschen, ändert daran nichts. Personal ist ein echtes Problem, bleibt aber ein Symptom. Die Ursache ist die Art, wie die Partei ihr Personal auswählt. Wenn dieselbe Flügellogik den Nachfolger bestimmt, entsteht das nächste Duo mit derselben Aufgabe: Frieden nach innen statt ein Angebot nach außen zu formulieren. Der Parteienforscher Angelo Panebianco beschreibt, warum: Ein neuer Vorsitz, den dieselbe „dominante Koalition“ auswählt, ändert die Machtverteilung kaum.
Der Berliner Politikwissenschaftler Thorsten Faas sagt: „Hier gibt es einfach keine dominanten Parteien mehr, sondern das sind alles so mittelgroße Parteien, die mal ein bisschen besser, mal ein bisschen schlechter abschneiden.“ Die Linke hatte beim Wohnen „die größte Sichtbarkeit, auch die vielleicht klarste Positionierung“. Die Böll-Wahlanalyse vom 21.09. zeigt: Das Personalangebot war „über alle Parteien hinweg … unterdurchschnittlich“. Bei den Grünen wog das schwerer, weil ihnen zusätzlich das eigene Thema fehlte. Wenn Parteien, die zwischen 12 und 26 Prozent liegen, keine charismatischen Köpfe an der Spitze haben, die in der Stadt bekannt sind, entscheidet das Thema, welches die Partei eindeutig besetzt. Die Linke hat das beim Thema Wohnen sehr deutlich gezeigt. Nur 15 Prozent ihrer Wählerinnen und Wähler nennen die Kandidatin als Grund für ihre Wahlentscheidung.
Somit hängen die Teile zusammen – Führungswechsel allein helfen kaum, und die Flügellogik verhindert ein eigenes Thema. Das eigene Thema könnte ein Zielbild für Berlin 2035 sein, das in Alltagserzählungen bei den Menschen ankommt. Ein Ziel, das viele teilen, gehört der Partei, die es zuerst mit einem Plan, einem Datum und einem Gesicht verbindet. Bezahlbare Mieten wollen alle vier Parteien, das Thema gehört trotzdem der Linken. Über die grüne DNA können viele Themen grün besetzt werden, nur bleiben bis heute die grünen Erzählungen eher an der Oberfläche oder werden zu wenig wiederholt.
Was ist das eigene Thema?
Ein Programm, das zwischen Flügeln ausgehandelt wird, enthält, was keiner blockiert. Ein Markenzeichen entsteht so selten. Denn ein Markenzeichen stellt ein Thema über die anderen. In einer Partei, in der jede Entscheidung ein Flügelkompromiss ist, gewinnt damit ein Flügel. Also bleibt alles gleich wichtig. Das Wahlprogramm wurde im Februar 2026 einstimmig beschlossen. Im April 2025 sagte Werner Graf im gemeinsamen taz-Interview mit Jarasch: „Wir müssen nicht die besseren Linken sein, sondern die besten Grünen.“ Beim Wohnen blieb das Programm trotzdem nah an der Linken, ohne eigenes Markenzeichen. Die Linke hatte Elif Eralp eine Mietendeckelkette um den Hals gehängt und ihre Mietwucher-App. Die Grünen hatten ein Bezahlbare-Mieten-Gesetz auf keinem Plakat. Nicht mal die eigenen Wähler konnte man damit überzeugen: 42 Prozent sprachen sich für und 50 Prozent gegen Enteignung aus. Das wichtigste Thema der Grünen-Wähler war laut ARD Verkehr mit 22 Prozent. Die Forschungsgruppe Wahlen schreibt den Grünen hier 30 Prozent Kompetenz zu, gegenüber der CDU mit nur 16 Prozent. Vier Tage vor der Berlin-Wahl sagt Werner Graf: „Wir haben aus der Friedrichstraße gelernt.“ Für mich macht er damit aus einem Timing-Fehler ein Tabu. Dieses Thema hätte man publikumswirksam weit vor der Wahl abräumen und die damit verbundene Aufmerksamkeit positiv nutzen können.
46 Prozent der Berliner Wählerinnen und Wähler halten die Grünen beim Klima für am kompetentesten, laut infratest dimap fünf Punkte mehr als 2023. Im selben Zeitraum fielen die Grünen von 18,4 auf 14,3 Prozent. Die Kompetenz ist gewachsen, die Stimmen sind geschrumpft. Seit 2016 liegt die Klimakompetenz der Grünen stabil zwischen 41 und 48 Prozent, ihr Ergebnis schwankte im selben Zeitraum zwischen 14,3 und 18,9. Über die Wahl entscheidet sie nicht. Politikberater Johannes Hillje hat im August im rbb beschrieben, warum: Themen müssen „nicht nur relevant sein, sondern auch salient“; es gehe darum, „wie Klimapolitik in den verschiedenen Politik- und Lebensbereichen umgesetzt wird“. Beim Klima geben viele den Grünen recht und wählen trotzdem etwas anderes. Die Grünen sollten deshalb nicht weniger über Klima reden. Es muss dort vorkommen, wo Menschen es im Alltag spüren. Bei Hitze geht es um Gesundheit, beim Verkehr darum, ob die Bahn im Takt kommt.
Grenze statt Profil
Seit der Wahl am 20. September definieren sich die Grünen wieder über die Linke und reden vor allem über den Antisemitismus innerhalb der Linken. Die Antisemitismus-Bedingung zu setzen, ist richtig. Ich teile sie ohne Einschränkungen. Doch eine Bedingung ist eine Grenze, kein Profil. Die Grünen schwingen sich gerade zum schärfsten Kritiker der Linken in der Koçak-Frage auf, seinem Chat mit einem Mitglied der Remmo-Familie. Katharina Dröge sagt, Koçak solle „nicht Teil der Fraktion der Linken“ sein, und Felix Banaszak sagte schon am Tag nach der Wahl: „Eine Koalition mit uns gibt es nicht als Blankoscheck.“ Ich halte das für das Muster, das schon die Jungen vertrieben hat. Die eigenen Wähler halten beides aus: 55 Prozent sehen zu viel Raum für Antisemitismus innerhalb der Linken. 77 Prozent halten Rot-Grün-Rot trotzdem für eine gute Koalition. Darüber hinaus entsteht das Gefühl, bei der Diskussion mit zweierlei Maß zu messen. Der CDU-Abgeordnete Christian Zander hatte Issa Remmo im Januar 2025 mit einer Besuchergruppe im Abgeordnetenhaus zu Gast. Er sagt, er habe nicht gewusst, wer in der Gruppe war. Folgen hatte das keine, Zander wurde am 20. September wiedergewählt. Wer mit der CDU über eine Kenia-Koalition spricht, müsste denselben Maßstab anlegen. Der Maßstab muss für alle gelten.
Wo ich im November falsch lag
Im November habe ich der Berliner Linken attestiert, ihr Modus sei „Anklage“, nicht „Architektur“. Ich hielt sie für zu schmal aufgestellt und sah genau dort ihre offene Flanke: „Zuspitzung statt Breite“. Das war falsch. Die Linke hat mit einem einzigen Thema gewonnen und dabei in der Breite an Kompetenz zugelegt, selbst bei Wirtschaft. Auf die Frage, wer Berlins Probleme am besten löst, liegt sie laut infratest dimap mit 20 Prozent vorn. Der Fokus war ihre Strategie.
Auch mein Vorschlag eines 29-Euro-Berlin-Tickets war weniger neu, als ich dachte. Im Programm der Grünen stand bereits ein 9-Euro-Klimaticket für Menschen mit wenig Geld. Die Idee war also da. Niemand hat entschieden, daraus ein Markenzeichen zu machen. Dem Landesmindestlohn von 16,50 Euro und dem Bezahlbare-Mieten-Gesetz ging es genauso.
Ein Befund hat gehalten: Es fehlte das Markenzeichen. Bei den eigenen Wählern trägt das Programm, 65 Prozent nennen es als wichtigsten Grund. Über sie hinaus trug es nicht.
Was stattdessen
Was sind die Lehren aus dieser Wahl für die Berliner Grünen? Für die nächste Wahl sollte ein offenes Verfahren für die nächste Kandidatur angestrebt werden. Die Kandidatur sollte innerhalb eines Mitgliederentscheids entschieden werden. Ein angemessener Vorwahlkampf erzeugt Bekanntheit und Rückhalt, und die Flügelfrage wird öffentlich entschieden, statt sie im Hinterzimmer auszuhandeln. Die Forschung stützt das. Eine Mitgliederwahl schadet laut Pedersen und Schumacher nicht, liegt sie nah an der Wahl, kann sie sogar helfen. Die Autoren vermuten auch, warum: Ein breiter Kreis wählt eher jemanden, der über die eigene Partei hinaus überzeugt, als jemanden, der vor allem Flügel und Loyalität bedient.
Der Kreisverband Mitte fordert jetzt wieder Beteiligung, diesmal mit anderem Ziel. Sein Dringlichkeitsantrag „Berlin kann mehr – Aufbruch 2031“ verlangt eine „unabhängige Wahlauswertung“, ein „transparentes Verfahren zur Besetzung der Senatsposten“ und eine „Findungskommission“. Über Koalitionsvertrag und Personal sollen alle rund 17.500 Mitglieder in einer Urabstimmung entscheiden. Das klingt nach Öffnung. Die taz weist aber darauf hin, dass eine Urabstimmung die Chancen einer Kenia-Koalition erhöhen würde, weil auf dem Landesparteitag der linke Flügel die Mehrheit hat. Auch hier geht es also um eine Richtungsentscheidung zwischen den Flügeln. 2024 wollte Mitte die Mitglieder fragen, wer die Stadt überzeugen kann. 2026 würde eine Urabstimmung vor allem entscheiden, welcher Flügel die Koalition bestimmt. Mein Vorschlag zielt auf die Kandidatur 2031: mehrere Kandidaturen, ein offener Vorwahlkampf, keine Aufteilung nach Flügeln. Entscheiden soll, wer die Stadt überzeugt. Dass selbst die Beteiligung der Mitglieder zum Werkzeug im Flügelstreit wird, zeigt, wie tief die Maschine sitzt. Die Partei muss eine Frage beantworten: Will sie sich weiter in Flügellogik zerlegen oder sachlogisch an den Themen für eine gute Zukunft arbeiten?
Es braucht ein starkes eigenes Vorhaben im Koalitionsvertrag. Ein grünes Projekt mit Datum und Preisschild, das ohne Karlsruhe und ohne Bund funktioniert. Als Beispiel: Takt und Verkehr, Hitzeschutz und eine Stadt, die funktioniert. Es braucht ein Zielbild, das größer ist als die Koalition. CDU, SPD, Grüne und Linke haben zwei große Reformen gemeinsam beschlossen: die Verwaltungsreform im Juni 2025 und das Klimaanpassungsgesetz mit einer Million Stadtbäumen bis 2040 im November 2025. 13 Forderungen stehen in allen vier Parteiprogrammen. Eine Zukunftsstrategie für Berlin 2035 gibt es nicht. Diese könnten Bündnis 90/Die Grünen einbringen.
Wie Berlin 2035 aussehen soll, darüber streiten die Parteien weniger, als es wirkt. CDU, SPD, Grüne und Linke wollen alle eine Behörde, die das geltende Mietrecht durchsetzt. Sie heißt in jedem Programm anders, gemeint ist dasselbe. Alle vier wollen landeseigene Grundstücke behalten. Alle vier wollen, dass man in der Spree baden kann. Den Zustand von Schulen, Straßen und Nahverkehr beurteilen die Anhänger aller Parteien ähnlich kritisch. Maja Göpel beschreibt, warum sich das trotzdem nicht nach Mehrheit anfühlt: „Wir denken, dass 30 Prozent so denken wie wir, es sind aber bei Einzelbefragungen 60 Prozent.“
Ein Zielbild macht aus diesem stillen Konsens ein Versprechen mit Datum. Das ist die Synthese, um die es mir geht: Beide Flügel messen sich an einem gemeinsamen Ziel statt aneinander. Was sonst passiert, zeigt das Baumgesetz. Eine Million Bäume bis 2040 steht im Gesetz, der Senat plant mit 250.000. Ein Ziel ohne Zuständigkeit und Geld bleibt ein Plakat.
Die Grünen könnten den ersten Schritt machen. Sie könnten den drei anderen Parteien einen Plan anbieten, wie aus 250.000 Bäumen die Million wird, die im Gesetz steht: Schatten in jeder Straße, mit Personal, Budget, einem Termin, an dem öffentlich nachgezählt wird, und einer Person, die dafür geradesteht. Statt in den Kreisverbänden über Rücktritte zu streiten, könnte die Partei im Frühjahr 2027 öffentlich Bilanz ziehen: Was hat die Stadt erreicht? Wer nicht Mitglied ist, kann die eigenen Abgeordneten fragen, welches der gemeinsamen Ziele sie zuerst angehen. Dann wird aus einer verlorenen Wahl ein Angebot an die Stadt.
Quellen
Wahlergebnisse und Umfragen
- Landeswahlleitung Berlin: Vorläufiges Ergebnis der Wahl zum Abgeordnetenhaus, 20.09.2026 (Zweitstimmen: Linke 25,7, CDU 18,8, AfD 16,3, Grüne 14,3, SPD 12,1 Prozent; Direktmandate Friedrichshain-Kreuzberg 2023 und 2026)
- Infratest dimap für die ARD: Wahltagsbefragung und Wahlanalyse Berlin, 20./21.09.2026 (Wählerwanderung; Wahlgründe der Grünen- und Linke-Wählenden; Zeitreihe Klimakompetenz und Wahlergebnis der Grünen 1999–2026; Enteignungsfrage; Antisemitismus-Item; Koalitionspräferenzen; Zufriedenheit mit den Spitzenkandidaten, Vergleich Künast 2011; Zerstrittenheit der SPD)
- Infratest dimap für den rbb: BerlinTrend, 10.09.2026 (Sonntagsfrage; Bekanntheit Werner Graf; Bewertung Graf und Eralp durch Grünen-Anhänger); BerlinTrend, 16.07.2026 (Verzicht Wegner, CDU-Sonntagsfrage); BerlinTrend, 27.–31.08.2026 (Zufriedenheit mit dem Senat; Vertrauen in Schulen, Straßen, Nahverkehr)
- Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF: Wahl in Berlin, 20.09.2026 (wichtigstes Problem Wohnungsmarkt; Parteikompetenzen Wohnungsmarkt und Verkehr)
- Heinrich-Böll-Stiftung: Wahlanalyse Berlin 2026, 21.09.2026
Berichte und Zitate
- dpa / Tagesspiegel: Interne Wahlauswertung des Kreisverbands Mitte und Christopher Schriner, 22.09.2026
- Tagesspiegel: Kreisverband Mitte gegen erneute Jarasch-Kandidatur, Mitgliederbefragung zur Spitzenkandidatur, 29.06.2025
- tagesschau.de / ARD: Wahlabend und Liveblog Berlin, 20./21.09.2026 (Felix Banaszak, Werner Graf, Thorsten Faas); Porträt Werner Graf, 16.09.2026
- taz: Interview Werner Graf und Bettina Jarasch, 22.04.2025; Elina Schumacher zur Wahl, 22.09.2026; Kreisverband Mitte fordert Urabstimmung, 23.09.2026
- rbb24: Analyse zu den Grünen nach der Wahl, Antrag „Berlin kann mehr – Aufbruch 2031“, 23.09.2026; Interview Johannes Hillje zur Klimapolitik im Wahlkampf, 24.08.2026; Abgeordnetenhaus beschließt Verwaltungsreform, 26.06.2025; Wechsel im SPD-Landesvorsitz 2020, 2024, 2026
- Berliner Zeitung, Der Spiegel: Issa Remmo mit Besuchergruppe von Christian Zander im Abgeordnetenhaus, 23./24.01.2025
- Tagesspiegel: „12 Fragen an Maja Göpel“, 12.12.2025
- taz: Senatsplanung 250.000 Bäume bis 2040, Studie der Berliner Forsten, 03.03.2026
Programme und Beschlüsse
- Bündnis 90/Die Grünen Berlin: Wahlprogramm 2026, einstimmig beschlossen auf der Landesdelegiertenkonferenz am 14./15.02.2026; Landesliste zur Abgeordnetenhauswahl
- Wahlprogramme 2026 von CDU, SPD, Grünen und Linken Berlin (gemeinsame Forderungen, Mieten-Aufsicht, landeseigene Grundstücke, Baden in der Spree)
- Land Berlin / dpa: Klimaanpassungsgesetz mit einer Million Bäumen bis 2040, beschlossen am 03.11.2025
Forschung
- Helene Helboe Pedersen, Gijs Schumacher: Do Leadership Changes Improve Electoral Performance? In: William Cross, Jean-Benoit Pilet (Hg.), The Politics of Party Leadership, Oxford University Press, 2015
- Lauri Karvonen: The Personalisation of Politics. A Study of Parliamentary Democracies, ECPR Press, 2010
- Zeynep Somer-Topcu: Agree or disagree: How do party leader changes affect the distribution of voters’ perceptions, Party Politics 23(1), 2017
- Angelo Panebianco: Political Parties: Organization and Power, Cambridge University Press, 1988