Am letzten Samstag tritt der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Jens Spahn, zurück. Bereits am darauffolgenden Donnerstag ist der erste Teil des Personal-Umbaus der Bundesregierung bekannt. Thorsten Frei übernimmt den Fraktionsvorsitz, Nina Warken das Kanzleramt, Carsten Linnemann das Gesundheitsministerium und Philipp Amthor als Staatsminister die Bund-/Länderkoordination.
Währenddessen wartet die Pflegereform derselben Regierung seit Monaten auf einen Kabinettstermin. Der Referentenentwurf existiert seit Anfang Juni, und mehrere Versuche einer Kabinettsbefassung sind geplatzt, am 06.07., am 13.07. und am 15.07. Seit dem 21.07. ist der Stand offiziell offen und der Bundestag kann sich frühestens im Herbst erstmals damit befassen. In Machtfragen ist die Regierung in fünf Tagen handlungsfähig. Lebensfragen dürfen durchaus viermal verschoben werden. Interessant ist dabei nicht, warum Spahn gehen musste, sondern nach welcher Logik jetzt sein Stuhl besetzt wird und welche Folgeentscheidungen sein Rücktritt nach sich zieht.
Nutzen wir also die Gunst der Stunde und gehen die Personalentscheidungen Schritt für Schritt durch, denn sie zeigen, welche Ziele eine Regierung verfolgt.
Mehr und länger arbeiten – aber wer denn eigentlich?
Wirtschaftsministerin Reiche will das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln. Nur: Die Lebenserwartung steigt für Menschen in Pflege, Bau und Schichtarbeit nachweislich langsamer als für Akademiker. Was der Reiche-Plan über die Sortierung dieses Sozialstaats verrät – und warum Schweden das Vorbild ist, das niemand zu Ende zitiert.
→ WeiterlesenIn vierzehn Monaten als Gesundheitsministerin hat Nina Warken vor allem eins geschafft: Sie hat das GKV-Sparpaket durch den Bundestag gebracht. Es wurde mit den Stimmen von Union und SPD am 10.07. beschlossen. Gestrichen wurde dabei u.a. die Vergütungs-Untergrenze für Psychotherapie. Die Länder haben öffentlich ihren Stil kritisiert. Brandenburgs Gesundheitsminister Wilke von der SPD hat sich über die unzureichende Einbindung sowie die finanzgetriebenen Eingriffe beschwert. Die Pflegereform hat sie nicht ins Kabinett gebracht. Das Ergebnis für Warken ist eine Beförderung ins Kanzleramt, ausgerechnet auf den Posten, der die Zusammenarbeit mit den Ländern koordiniert, mit denen sie sich überworfen hat. Belohnt wird, was gewollt ist. Sparen, auch auf Kosten des Sozialstaats wird belohnt. Die offene Pflege-Reform hat die Karriere nicht gebremst.
Hier übernimmt jetzt Carsten Linnemann, Ex-Chef der Mittelstandsvereinigung und Erfinder des Aktionsplans Sozialleistungsmissbrauch. Eine gesundheitspolitische Vorgeschichte hat er nicht, und das hat er im Mai 2025 selbst am deutlichsten eingeordnet. Originalzitat von Linnemann am 06.05.2025 im Phoenix-Interview: „Wenn sie mich jetzt aufgestellt hätten als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen. Die Leute hätten gesagt: ‚Warum wird der Gesundheitsminister? Was hat der damit zu tun?‘ Deshalb: Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ Linnemanns bekannteste Idee zum Gesundheitswesen ist wörtlich: „Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen.“ Das kann man als Verwaltungsfusion lesen. Auf seinem Schreibtisch liegen jetzt rund 22 Milliarden Pflegedefizit in den nächsten zwei Jahren, eine verschobene Pflegereform und ein Sparpaket, welches sich in der Umsetzung befindet. Die Logik hinter Merz’ Entscheidung ist völlig klar. Man schickt keinen Missbrauchsbekämpfer in ein Ministerium, wenn man Versorgung ausbauen will. Man schickt ihn, wenn man das Ressort als Kostenstelle versteht. Die Personalie ist hier die Ansage. Gesundheit und Pflege sind für diese Regierung ein Ausgabenproblem und kein Versorgungsproblem. Vielleicht wird Linnemann am Ende alle überraschen. Er gilt als jemand, der entscheidet, statt Entscheidungen zu vertagen, und gerade in der Pflege sind Entscheidungen überfällig. Zu denken gibt einem nur die Richtung seiner Entscheidungen, denn die hat er selbst nie offen gelassen.
Am Ende zeigt der Personalumbau der Regierung, dass alle Schlüsselpositionen an Merz-Loyalisten gehen. In die Fraktion rutscht sein engster Vertrauter, ins Kanzleramt geht Warken, als erste Frau, die in Deutschland dieses Amt innehat, und der einzige interne Rivale ist weg. Währenddessen führt die AfD in allen Juli-Umfragen (Allensbach 26,5 %, INSA 29 %). Union und SPD zusammen liegen bei circa 34 bis 35 %. Die Regierungskoalition hätte also keine Mehrheit mehr. Ein Thema wurde in nur fünf Tagen gelöst. Das andere Thema hat noch keinen Termin. Ab dem 29. Juli gibt es für Merz und diese Regierung keine Ausrede mehr, die einen anderen Namen als Merz trägt. Das hat auch etwas Gutes.
Ich bin jetzt 38 Jahre alt. Meine Generation organisiert gerade die Pflege ihrer Eltern oder bereitet sich zumindest gedanklich darauf vor. Zwischen Job, Kindern und was sonst noch anfällt. Für diese Generation ändert sich mit dem neuen Personaltableau in der Regierung erst einmal nichts. Ein neuer Minister braucht Monate für die Einarbeitung, und die Pflegereform verschiebt sich eher weiter nach hinten. Der Entwurf, der auf dem Tisch liegt, besagt, dass die Pflegekasse künftig nur noch 70 statt 100 % der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige zahlen soll. 30 % weniger Rentenpunkte für die Pflege. Der volle Heimzuschlag soll erst nach viereinhalb statt nach drei Jahren greifen. Millionen Haushalte wissen seit Anfang Juni, was ihnen gekürzt werden soll, aber nicht, ob und wann. Der Entwurf ist öffentlich, während der Beschluss weiter auf sich warten lässt. Die Kürzung ist angekündigt, die Klarheit, um sich darauf vorzubereiten, nicht.
Geschwindigkeit war nie das Problem dieser Regierung. Fünf Tage haben gereicht, als es um sie selbst ging. Doch eine Regierung, die bei Machtfragen sprintet und bei Versorgungsfragen vertagt, bestätigt leider genau das Gefühl, von dem die AfD lebt: dass die da oben vor allem sich selbst verwalten. Was ist die Alternative? Ein Gesundheitsminister, der sein Amt als Versorgungsmandat begreift, würde in den ersten 100 Tagen folgendes tun: Er brächte eine Pflegereform ins Kabinett. Er nähme die Rentenpunkte-Kürzung für pflegende Angehörige zurück. Er bezifferte ehrlich die Finanzierungslücke, statt sie klein zu rechnen. Er würde dafür sorgen, dass der Staat Zuschüsse in die Pflege gibt und entsprechend seine Prioritäten setzt. Das ist kein Ding der Unmöglichkeit, das ist politischer Wille.
Linnemann hat jetzt die Chance, das Gegenteil zu beweisen. Der Maßstab liegt dafür fest, und er ist denkbar einfach: ein Kabinettstermin für die Pflegereform.
Merz hat weitere Veränderungen in der Regierung angekündigt. Laut übereinstimmenden Medienberichten muss Verkehrsminister Patrick Schnieder gehen, weil Merz mit seiner Arbeit unzufrieden war – eine offizielle Bestätigung steht noch aus. Ein Ersatz ist noch nicht spruchreif, und laut Medienaussagen hat Merz’ Wunschkandidat abgesagt. Eins ist jedoch sicher – die Merz-Revolution lässt noch auf sich warten.
Quellen
- Bundesregierung / dpa: Vorstellung des Personalpakets im Kanzleramt (24.07.2026)
- Tagesschau: Warken soll Kanzleramtschefin werden, Linnemann Gesundheitsminister (23./24.07.2026)
- Kölner Stadt-Anzeiger: Linnemann-Zitat aus dem Phoenix-Interview vom 06.05.2025 („Schuster, bleib bei deinen Leisten“)
- Zeit Online: Linnemann und die Krankenkassen-Konsolidierung (23.07.2026)
- Ärzte Zeitung: Warken als erste Kanzleramtschefin der Bundesrepublik (24.07.2026)
- Deutsches Ärzteblatt: Kritik des Brandenburger Gesundheitsministers René Wilke am GKV-Spargesetz (Juli 2026)
- Bundestag: GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, beschlossen am 10.07.2026
- Nettivo / BMG: PNOG-Referentenentwurf (04.06.2026) und verschobene Kabinettsbefassungen (Stand 21.07.2026)
- Deutscher Pflegebeistand: Entwurfsstand Rentenbeiträge für pflegende Angehörige und Leistungszuschlag § 43c SGB XI
- Allensbach/FAZ (23.07.2026) und INSA/Bild am Sonntag (18.07.2026): Sonntagsfragen Juli 2026
- SWR/Tagesschau, Zeit Online: Berichte zur geplanten Ablösung von Verkehrsminister Patrick Schnieder und zur Absage des Nachfolgekandidaten (24./25.07.2026)