24.02.2026/Essay

47,9 Prozent

Fast zwei Millionen Menschen haben ein knapp dreiminütiges Video über die Vermögensteuer gesehen. Die häufigste Reaktion: 'Keine Ahnung.' Hier ist die lange Version.


Am 8. Februar 2026 habe ich ein Video über die Vermögensteuer veröffentlicht. Knapp drei Minuten, eine These: 147 Milliarden Euro pro Jahr aus einer Steuer, die im Grundgesetz steht und seit 1997 nicht erhoben wird. Das DIW hat es durchgerechnet. 98 von 100 Menschen wären nicht betroffen.

Das Video wurde 1.903.535 Mal angeschaut. Und dann passierte etwas Interessantes.

Die Kommentare zeigten ein Muster. Niemand schrieb: „Ich finde es richtig, dass Vermögende nicht besteuert werden.“ Niemand argumentierte: „Das oberste Zehntel Prozent sollte seinen Anteil nicht zahlen.“ Stattdessen:

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„Handwerkliche Fehler.“ „Kein Finanzwissen.“ „Selektive Argumentation.“ „Eher Meinung als Recherche.“

Jeder Einwand zielte auf die Methode. Keiner auf den Inhalt.

Ein Antwortvideo ging viral. Ein Blogger argumentierte, die Schweiz habe zwar eine Vermögensteuer, aber insgesamt niedrigere Steuern – deshalb funktioniere der Vergleich nicht. Sein Fazit: Der Typ hat keine Ahnung.

Teilweise hat er Recht. Und genau deshalb dieser Essay.


Wo die Kritiker Recht haben

Ein knapp dreiminütiges Video kann nicht erklären, warum 147 Milliarden Euro eine Bruttogröße ist. Stefan Bach, der DIW-Forscher, der die Zahl berechnet hat, warnt selbst vor „beträchtlichen wirtschaftlichen Risiken“ – Ausweichreaktionen könnten das Aufkommen erheblich verringern.1 Realistisch dürften es eher 80 bis 100 Milliarden sein. Immer noch eine historische Summe – aber nicht 147 Milliarden.

Der Schweiz-Vergleich braucht Kontext. Ja, die Schweiz hat eine Vermögensteuer. Ja, sie hat trotzdem die meisten Millionäre pro Kopf weltweit. Aber die Gesamtbelastung auf Arbeit ist in der Schweiz deutlich niedriger: 23,4 Prozent Abgabenkeil gegenüber 47,9 Prozent in Deutschland.2 Wer die Schweiz als Argument für die Vermögensteuer anführt, muss das dazusagen.

Und ein Video, das auf maximale Wirkung in 170 Sekunden optimiert ist, kann Nuancen nicht leisten. Es kann zuspitzen, einen Punkt setzen. Es kann nicht erklären.

All das stimmt. Und nichts davon widerlegt den Kern.


47,9 Prozent

Der Kern ist kein TikTok-Argument. Er steht in den Datenbanken der OECD, des DIW, des Bundesfinanzministeriums. Und er lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Deutschland besteuert Arbeit mit den zweithöchsten Sätzen aller Industrieländer – und Vermögen mit den niedrigsten.

47,9 Prozent. So viel zahlt ein alleinstehender Durchschnittsverdiener an Steuern und Sozialabgaben auf sein Gehalt. Nur Belgien liegt höher. Der OECD-Durchschnitt: 34,9 Prozent.2 Für Familien liegt der Wert niedriger – aber selbst dann gehört Deutschland zur Spitzengruppe.

Der „Abgabenkeil”

Der Abgabenkeil misst, wie viel vom Bruttolohn nach Steuern und Sozialabgaben übrig bleibt – aus Sicht von Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen. Wenn dein Arbeitgeber 60.000 Euro für dich ausgibt und du 31.260 Euro netto bekommst, liegt der Keil bei 47,9 Prozent. Die OECD berechnet ihn jährlich für alle Industrieländer – er ist der internationale Standard für Steuerbelastung auf Arbeit.

Gleichzeitig: Kapitalerträge – Dividenden, Zinsen, Kursgewinne – werden pauschal mit 25 Prozent besteuert. Egal ob jemand tausend Euro oder hundert Millionen Euro Dividende bekommt.3 Keine Sozialabgaben. Kein progressiver Tarif. Der effektive Steuersatz für Milliardäre liegt laut Netzwerk Steuergerechtigkeit bei rund 26 Prozent – und hat sich seit 1996 etwa halbiert.4 Der Satz für Arbeitnehmer nicht.

Rechnet man die Sozialabgaben heraus, liegt Deutschlands Steuerquote bei 23,1 Prozent – unteres OECD-Mittelfeld.5 Deutschland ist kein Hochsteuerland. Es ist ein Hochsteuerland für Menschen, die für ihr Geld arbeiten. Und ein Niedrigsteuerland für Menschen, die ihr Geld arbeiten lassen.

Steuerquote vs. Abgabenquote – was ist der Unterschied?

Die Steuerquote misst nur Steuern im Verhältnis zum BIP. Die Abgabenquote zählt Sozialabgaben (Rente, Krankenversicherung, Pflege, Arbeitslosenversicherung) dazu. Deutschland hat eine niedrige Steuerquote (23,1%), aber eine hohe Abgabenquote (38,1%) – weil Sozialabgaben fast ausschließlich auf Arbeitseinkommen erhoben werden. Kapitalerträge und Vermögen zahlen keine Sozialabgaben. Deshalb verschiebt der Blick auf die reine Steuerquote das Bild.

Dänemark hat eine Abgabenquote von 47,4 Prozent, neun Prozentpunkte über Deutschland.5 Dänemark ist Platz 2 im World Happiness Report und Platz 4 im globalen Wettbewerbsfähigkeitsranking des IMD.6 Deutschland: Platz 22 und Platz 19. Das Problem sind nicht „die Steuern“. Das Problem ist, wer sie zahlt.


Die Architektur

Wie konnte ein System entstehen, das so offensichtlich schief liegt? Nicht durch einen Plan. Durch Pfadabhängigkeit, erfolgreiche Lobbyarbeit und fehlenden politischen Mut. Vier Beispiele.

Die Abgeltungssteuer. 2009 eingeführt, unter Peer Steinbrück. Die Idee: 25 Prozent pauschal auf alle Kapitalerträge, dafür einfach zu erheben. Das Ergebnis: Ein Millionär zahlt auf seine Dividende den gleichen Satz wie ein Kleinsparer. Ein Arbeitnehmer mit 60.000 Euro Gehalt zahlt 42 Prozent Einkommensteuer plus Sozialabgaben. Sein Nachbar, der die gleiche Summe aus Aktiengewinnen bezieht: 25 Prozent, keine Sozialabgaben. Gleicher Betrag. 17 Prozentpunkte Differenz.3

Die Abgeltungssteuer

Seit 2009 werden alle Einkünfte aus Kapital – Zinsen auf dem Sparkonto, Dividenden von Aktien, Gewinne beim Verkauf von Wertpapieren – pauschal mit 25 Prozent besteuert (plus Soli und ggf. Kirchensteuer). Der Satz gilt unabhängig vom Gesamteinkommen: Ein Millionär zahlt den gleichen Prozentsatz wie ein Kleinsparer. Einkommen aus Arbeit wird dagegen progressiv besteuert – je mehr du verdienst, desto höher der Satz, bis 45 Prozent.

Die Erbschaftsteuer. Auf dem Papier: bis zu 30 Prozent Spitzensteuersatz.7 In der Realität: 2024 haben 45 Großerben zusammen rund 12 Milliarden Euro geerbt. 95 Prozent der festgesetzten Steuer wurden nachträglich erlassen. Effektiv gezahlt: 1,5 Prozent.8 Weniger als die Mehrwertsteuer auf ein Mittagessen.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Regelung zweimal für verfassungswidrig erklärt – 2006 und 2014.9 Ein drittes Verfahren läuft. Jedes Mal hat der Gesetzgeber neue Schlupflöcher geschaffen, die die alten ersetzen. Zwischen 2009 und 2020 haben 3.630 Großerben insgesamt 260 Milliarden Euro steuerfrei erhalten – durchschnittlich 70 Millionen Euro pro Person.10 Übertragungen über 20 Millionen Euro waren 2021 zu 72 Prozent komplett steuerfrei.11

75 Prozent der 171 deutschen Milliardäre sind Erben.12 Letzter Platz in der globalen Self-Made-Quote – unter allen Nationen mit mindestens zehn Milliardären. In China sind 97 Prozent Self-Made, in Großbritannien 89 Prozent. Die Studienautoren sprechen von einer „Erbokratie“. Deutschland belohnt nicht Leistung. Es belohnt Geburt.

Wer erzählt, die Erbschaftsteuer treffe den Mittelstand? Die „Stiftung Familienunternehmen“. Klingt nach Bäckermeister. Finanziert von der Schwarz-Gruppe – Lidl, 46,5 Milliarden Euro Vermögen –, von BMW/Quandt/Klatten – 49 Milliarden –, von Aldi, Bosch, Bertelsmann, Oetker.13 Über die Hälfte der Familien in ihrem Netzwerk besitzt mehr als 400 Millionen Euro. Ein Drittel sind Milliardäre.14

Wie funktionieren die Erbschaftsteuer-Schlupflöcher?

Wer ein Unternehmen erbt, kann bis zu 100 Prozent der Steuer erlassen bekommen – durch die sogenannte „Verschonungsbedarfsprüfung“. Bedingung: Das Unternehmen muss sieben Jahre weitergeführt und die Lohnsumme gehalten werden. In der Praxis reichen Holding-Konstruktionen und Stiftungsmodelle, um diese Bedingungen formal zu erfüllen. Ergebnis: Je größer das Erbe, desto niedriger der effektive Steuersatz. Das Bundesverfassungsgericht hat das zweimal für verfassungswidrig erklärt. Der Gesetzgeber hat jedes Mal neue Schlupflöcher geschaffen.

CumEx. Der größte Steuerraub der europäischen Geschichte. Banken haben sich Steuern erstatten lassen, die nie gezahlt wurden. Gesamtschaden CumEx und CumCum zusammen: 40 Milliarden Euro.15 Zurückgeholt bis Ende 2023: 205 Millionen – weniger als ein Prozent.16 Anne Brorhilker, die ehemalige Oberstaatsanwältin, die den Skandal aufgedeckt hat, sagte bei Lanz: „Es gab nie eine Gesetzeslücke. Die sind über den Zaun gesprungen.“17 Ab 2026 dürfen Banken die CumCum-Beweisdokumente vernichten.18 28,5 Milliarden Euro könnten verschwinden.

CumEx

Bei CumEx-Geschäften haben Banken Aktien rund um den Dividendenstichtag so schnell hin- und hergeschoben, dass sich mehrere Beteiligte gleichzeitig eine Kapitalertragsteuer „erstatten“ ließen, die nur einmal gezahlt wurde – wie eine Garderobe, die für denselben Mantel drei Marken ausgibt. Bei CumCum haben ausländische Investoren ihre Aktien kurzfristig an deutsche Banken „verliehen“, um eine Steuerrückerstattung zu kassieren, die ihnen als Ausländern nicht zustand. Beides war kein Schlupfloch – es war Betrug. Und er lief jahrelang, weil niemand hinschaute.

DAX-Konzerne. 1988 zahlten sie effektiv 52,1 Prozent Steuern auf ihre Gewinne. 2020: 25,7 Prozent.19 Die Steuerlast hat sich halbiert. Gleichzeitig sitzen 3.791 DAX-Beteiligungen – 21 Prozent aller Beteiligungen – in Steueroasen.20 Siemens hat 39 Tochterfirmen in Grünwald bei München – einer Gemeinde mit 240 Prozent Gewerbesteuerhebesatz statt dem Bundesdurchschnitt von 438 Prozent.21 Große Digitalkonzerne zahlten 2023 auf in Deutschland erzielte Gewinne 3 Prozent.22 Mittelständler: 30 bis 33 Prozent.

Ein Gewerbesteuerhebesatz

Jede Gemeinde in Deutschland legt ihren eigenen Gewerbesteuerhebesatz fest – je niedriger, desto weniger Steuern zahlen Unternehmen mit Sitz dort. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 438 Prozent. Einzelne Gemeinden wie Grünwald bei München setzen bewusst auf 240 Prozent, um Konzerne anzulocken. Einen gesetzlichen Mindesthebesatz gibt es nicht. So entstehen Steueroasen innerhalb Deutschlands.

Das sind keine Einzelfälle. Das ist die Architektur.


Die Schweiz – komplett

Die Schweiz ist der beliebteste Einwand gegen die Vermögensteuer. „Die haben niedrigere Steuern, deshalb funktioniert das.“ Und es stimmt: Der Abgabenkeil auf Arbeit liegt in der Schweiz bei 23,4 Prozent – halb so hoch wie in Deutschland.2

Aber die Zahl vergleicht Äpfel mit Birnen. In der Schweizer Statistik fehlen die Krankenkassenprämien – 465 Franken im Monat, obligatorisch, ohne Arbeitgeberanteil.23 Fehlt die Pensionskasse. Fehlt die Unfallversicherung. In Deutschland sind diese Posten in den Sozialabgaben enthalten. Die tatsächliche Differenz ist deutlich kleiner als 24 Prozentpunkte.

Und jetzt der entscheidende Punkt.

Die Schweiz hat eine Vermögensteuer. In allen 26 Kantonen. Seit über hundert Jahren. 9 Milliarden Franken Einnahmen pro Jahr.24 Kein Kanton hat sie abgeschafft. Es gab nicht einmal eine Volksinitiative, die es bis zur Abstimmung geschafft hätte. Deutschland nimmt mit der Vermögensteuer ein: null Euro. Seit 1997.

Die Schweiz hat einen Deal. Vermögen besteuern. Arbeit entlasten. Private Aktiengewinne: null Prozent Kapitalertragsteuer – dafür Vermögensteuer auf alles, in jedem Kanton. Die Schweizer erhöhen sogar freiwillig ihre eigene Mehrwertsteuer – per Volksabstimmung, 55 Prozent Zustimmung, im September 2022 –, um die Rente zu finanzieren.25

Das ist kein Widerspruch. Das ist ein Gesellschaftsvertrag. Einer, der funktioniert. In einem Land, das reicher, wettbewerbsfähiger und zufriedener ist als Deutschland.

Deutsche Milliardäre zahlen laut Netzwerk Steuergerechtigkeit geschätzt 26 Prozent effektiv. Schweizer Milliardäre: 32 Prozent.4 Deutschland verschont seine Reichsten stärker als die Schweiz.

Wer die Schweiz als Vorbild will, argumentiert für eine Vermögensteuer. Nicht dagegen.


Was nicht funktioniert

Frankreich hat 2017 unter Macron die Vermögensteuer ISF abgeschafft. Die brachte 4,2 Milliarden Euro pro Jahr. Das Versprechen: Das Geld fließt in Investitionen zurück.

Das Ergebnis: Die Einnahmen brachen um 69 Prozent ein.26 Die versprochenen Investitionen? Das offizielle Evaluierungskomitee France Stratégie sagt: kein belastbarer Nachweis.27 Frankreich hat 3 Milliarden pro Jahr verschenkt – und nichts dafür bekommen.

Norwegen hat 2022 das Gegenteil gemacht. Vermögensteuer erhöht, auf bis zu 1,1 Prozent für Superreiche. Ja, einzelne Hundert Millionäre sind gegangen. Aber die Einnahmen stiegen um über 50 Prozent – von 18,5 auf rund 31 Milliarden Kronen nominal.28 Netto-Bilanz: deutlich positiv.

Und Kapitalflucht? Hundert Länder melden seit 2017 automatisch Kontodaten über den Common Reporting Standard. Deutschland hat mit Wegzugsbesteuerung und automatischem Informationsaustausch, wie Oxfam und das Netzwerk Steuergerechtigkeit dokumentieren, „umfassende und international vorbildliche Regeln, die Steuerflucht extrem schwierig, wenn nicht unmöglich machen.“29

Der Common Reporting Standard und die Wegzugsbesteuerung

Seit 2017 tauschen über 100 Länder automatisch Informationen über Bankkonten aus. Hat ein deutscher Staatsbürger ein Konto in der Schweiz, meldet die Schweizer Bank das automatisch ans deutsche Finanzamt. Anonyme Auslandskonten sind damit Geschichte. Zusätzlich greift bei Wegzug aus Deutschland die Wegzugsbesteuerung: Wer auswandert, um Steuern zu sparen, zahlt eine Abgabe auf nicht realisierte Wertzuwächse – also auf Gewinne, die noch auf dem Papier stehen. Einfach gehen und nichts zahlen funktioniert nicht mehr.

Die Empirie ist eindeutig. Aber sie passt nicht in ein dreiminütiges Video.


Der Entwurf

Steuern sind zu hoch. Darin sind sich fast alle einig. Die Frage, die nie gestellt wird: Für wen?

Die Antwort auf „die Steuern sind zu hoch“ ist nicht: noch mehr Steuern. Die Antwort ist: andere Steuern. Arbeit entlasten, Vermögen beteiligen, Schlupflöcher schließen. Das ist keine linke Position. Das ist OECD-Konsens.

Neun Maßnahmen. Jede einzelne wird von seriösen Instituten gestützt:

  1. Vermögensteuer wiedererheben – 1 Prozent ab 1 Million Euro Nettovermögen, betrifft rund 800.000 Personen, bringt 28 Milliarden Euro pro Jahr.30

„Ab 1 Million Euro Nettovermögen”

Nettovermögen = alles, was du besitzt (Immobilien, Aktien, Bargeld, Betriebsvermögen), minus alles, was du schuldest (Hypotheken, Kredite). Erst wenn nach Abzug aller Schulden mehr als 1 Million Euro übrig bleibt, greift die Steuer. Ein Haus im Wert von 800.000 Euro mit 400.000 Euro Hypothek zählt als 400.000 Euro Nettovermögen – weit unter dem Freibetrag. Die meisten Eigenheimbesitzer sind nicht betroffen.

  1. Erbschaftsteuer-Schlupflöcher schließen – alle Verschonungsregeln abschaffen, Freibeträge erhöhen, bringt 8 Milliarden. Selbst das ifo Institut fordert: alle Ausnahmen weg – bei gleichzeitig niedrigerem Einheitssatz von 5 bis 10 Prozent.31
  2. Abgeltungssteuer abschaffen – Kapitalerträge wie Arbeit zum Einkommensteuertarif besteuern, bringt 8 Milliarden.32
  3. Finanztransaktionssteuer – 0,1 Prozent auf Finanztransaktionen, bringt rund 10 Milliarden.33

Eine Finanztransaktionssteuer

Eine kleine Abgabe – 0,1 Prozent – auf jeden Kauf und Verkauf von Aktien, Anleihen und Derivaten. Für Privatanleger, die einmal im Jahr Aktien kaufen, kaum spürbar: bei 10.000 Euro Kauf wären das 10 Euro. Für Hochfrequenzhändler, die Millionen Transaktionen pro Tag ausführen, ein relevanter Betrag. Die EU hat den Vorschlag 2011 vorgelegt. Er scheitert seit 15 Jahren am Widerstand der Finanzlobby.

  1. Globale Mindeststeuer durchsetzen – 15 Prozent Minimum für Großkonzerne, bringt rund 3 Milliarden.34
  2. 3.000 Betriebsprüfer einstellen – jeder kostet 50.000 Euro, jeder bringt 1 Million ein. Faktor 20.35
  3. CumEx und CumCum konsequent zurückfordern – 40 Milliarden Schaden, weniger als 1 Prozent zurückgeholt.
  4. Gewerbesteueroasen schließen – Mindesthebesatz einführen.
  5. Steuerprivilegien kippen – die Gewerbesteuerbefreiung für Mieteinnahmen stammt von 1935.36 Nicht 2035. 1935.

Konservative Gesamtrechnung: 74 Milliarden Euro pro Jahr.37 Die Vermögensteuer betrifft weniger als ein Prozent der Erwachsenen.38 Alle anderen werden durch niedrigere Abgaben auf Arbeit entlastet.

Davon finanzierbar: Kindergrundsicherung, Bildungsoffensive, Klimainvestitionen, Krankenhäuser und kommunale Infrastruktur – gleichzeitig.

Das ist kein Wunschkonzert. Die Allianz hinter diesen Maßnahmen umfasst das DIW, den DGB, das ifo Institut, den IWF, die OECD, Finanzwende, Ver.di und das Netzwerk Steuergerechtigkeit. Der IWF hat 2024 ein Papier veröffentlicht, wie man Vermögen besser besteuert.39 Die OECD empfiehlt stärkere Vermögensbesteuerung. Die Frage ist nicht, ob es geht. Die Frage ist, wer es verhindert.


Was Kritiker einwenden werden

Fünf Einwände, die jeder ernst nehmen muss, der diese Reform fordert.

„Du vermischst Steuern und Sozialabgaben.“ Stimmt methodisch. Der Abgabenkeil von 47,9 Prozent fasst Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge zusammen. Sozialabgaben sind keine Steuern – wer einzahlt, erwirbt Rentenansprüche, Krankenversicherungsschutz, individuelle Gegenleistungen. Ein Milliardär, der 26 Prozent auf Dividenden zahlt, erwirbt damit keine Rentenpunkte. Die beiden Sätze nebeneinanderzustellen ist streng genommen ein Kategorienfehler.

Aber: Aus Sicht einer Krankenschwester ist es egal, ob 47,9 Prozent ihres Bruttolohns als „Steuer“ oder „Versicherung“ abgehen. Sie hat weniger. Und die OECD verwendet den Abgabenkeil als internationalen Standard – weil er misst, was Arbeit tatsächlich kostet. Die Trennung zwischen Steuer und Sozialabgabe ist eine juristische. Keine ökonomische.

„Dein Modell geht über die Schweiz hinaus.“ Stimmt. Die Schweiz besteuert Vermögen, aber private Aktiengewinne mit null Prozent. Mein Entwurf fordert beides: Vermögensteuer und progressive Besteuerung von Kapitalerträgen. Das ist nicht „die Schweiz kopieren“. Es ist ein eigenständiges Modell.

Der Punkt ist berechtigt: Wer die Schweiz als Beweis anführt, dass Vermögensteuer funktioniert, kann nicht gleichzeitig behaupten, das Schweizer Modell eins zu eins zu übernehmen. Mein Argument ist ein anderes: Die Schweiz beweist, dass Vermögensteuer und Wohlstand vereinbar sind. Wie Deutschland die Balance zwischen Vermögens- und Kapitalertragsbesteuerung konkret ausgestaltet, ist eine eigene Debatte – und eine, die ehrlich geführt werden muss. Nicht mit Pauschalurteilen. Mit Zahlen.

„Die Steuer wurde aus gutem Grund ausgesetzt.“ Teilweise. Das Bundesverfassungsgericht hat 1995 nicht die Vermögensteuer für verfassungswidrig erklärt – sondern die ungleiche Bewertung verschiedener Vermögensarten. Immobilien wurden nach Einheitswerten von 1964 bewertet, Geldvermögen zum Marktwert. Die Lösung wäre gewesen: Bewertung reformieren. Stattdessen hat die Regierung Kohl die Steuer ausgesetzt. 28 Jahre lang hat kein Nachfolger den politischen Mut aufgebracht, sie wieder einzuführen.

Der Einwand gegen die Bewertungspraxis ist real. Aber die Schweiz bewertet Vermögen in 26 Kantonen. Jährlich. Mit den digitalen Werkzeugen von 2026 ist das ein lösbares administratives Problem – kein grundsätzliches. Es ist ein Argument für bessere Verwaltung. Nicht gegen die Steuer.

„Ein Prozent auf die Substanz ist viel.“ In bestimmten Fällen: ja. Wenn ein Unternehmen zwei Prozent Rendite erwirtschaftet, frisst ein Prozent Vermögensteuer die Hälfte des Gewinns. In Verlustjahren geht es an die Substanz. Für kapitalintensive Betriebe mit niedrigen Margen ist das ein echtes Problem.

Deshalb braucht jedes seriöse Modell Stundungsregelungen und Härtefall-Klauseln – wie sie in der Schweiz seit Jahrzehnten existieren. Und: Der Freibetrag von einer Million Euro Nettovermögen schließt die allermeisten Betriebe aus. Wer ein Unternehmen im Wert von 800.000 Euro besitzt und 300.000 Euro Schulden hat, zahlt nichts. Das Substanzargument ist ernst zu nehmen. Aber es ist ein Argument für gutes Gesetzesdesign – nicht gegen die Steuer.

„Die norwegischen Einnahmen sind aufgebläht.“ Teilweise. Die Einnahmen stiegen nominal um über 50 Prozent – aber ein Teil davon geht auf Inflation, steigende Vermögenswerte und Ölgewinne zurück, nicht allein auf den höheren Steuersatz. Gleichzeitig verließen rund 30 Milliardäre und Multimillionäre das Land – Kjell Inge Røkke etwa zog in die Schweiz. Die langfristigen Kosten durch verlorenes Investorenkapital werden in Norwegen heftig debattiert.

Das als reines Erfolgsmodell zu verkaufen, wäre zu einfach. Was bleibt: Selbst nach Abzug aller Einschränkungen war die Nettobilanz positiv. Die Abwanderung war real – aber die befürchtete Massenflucht, die Kernthese der Vermögensteuergegner, ist nicht eingetreten. Das ist kein Triumph. Aber es widerlegt die Panik.


Soziale Marktwirtschaft hat zwei Wörter

Die Soziale Marktwirtschaft war ein Gesellschaftsvertrag. Wirtschaftliche Dynamik und sozialer Ausgleich als Paket. Wer arbeitet, wird beteiligt. Das war das Versprechen.

Es ist brüchig geworden. Nicht weil die Idee falsch war, sondern weil der Vertrag nicht erneuert wurde. 1997 wurde die Vermögensteuer ausgesetzt. Damals gab es 34 Milliardäre in Deutschland. Heute: 171.40 Verfünffacht. Die untere Hälfte? Stagniert. Seit zwanzig Jahren.

Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis eines Systems, das Arbeit immer stärker belastet und Vermögen immer weniger.

Ein neuer Gesellschaftsvertrag heißt nicht: den Reichen das Geld wegnehmen. Er heißt: Modernisierung und Fairness als Paket. Wer die Wirtschaft stärken will, muss Arbeit entlasten. Wer Arbeit entlasten will, muss Vermögen beteiligen. Beides zusammen. Nicht eins statt dem anderen.

Die Schweiz macht es vor. Dänemark macht es vor. Norwegen macht es vor. Länder, die erfolgreicher sind als Deutschland – wirtschaftlich und sozial. Keine Utopien. Realitäten.


Ich bin Unternehmer. Ich will niedrigere Unternehmenssteuern, weniger Bürokratie, einen schlanken Staat. Ich finde vieles richtig, was konservative Ökonomen fordern. Aber ich will auch, dass meine Mitarbeiter sich eine Wohnung leisten können. Dass das Gesundheitssystem funktioniert. Dass Schulen nicht vom Bundesland abhängen.

Das ist kein Widerspruch. Soziale Marktwirtschaft hat zwei Wörter.

Fast zwei Millionen Menschen haben ein Video geschaut und diskutiert – über Zahlen, über Fairness, über die Frage, wer in diesem Land für wen bezahlt. Die häufigste Kritik war: zu verkürzt. Hier sind die fehlenden Seiten.

Die Frage bleibt dieselbe. 47,9 Prozent auf Arbeit. 25 Prozent auf Kapital. 1,5 Prozent auf Milliardenerben. Null auf Vermögen.

Für wen sind die Steuern zu hoch?


Quellen

  1. WirtschaftsWoche / DIW – Stefan Bach: Maximalmodell 147 Mrd. Euro brutto; nach Ausweichreaktionen deutlich weniger, realistische Schätzungen 80–100 Mrd. Euro. wiwo.de ↩

  2. OECD Taxing Wages 2025 – Abgabenkeil Alleinstehende ohne Kinder: Deutschland 47,9%, Schweiz 23,4%, OECD-Durchschnitt 34,9%. oecd.org ↩ ↩2 ↩3

  3. Wikipedia / Finanztip – Abgeltungssteuer 25% flat vs. Einkommensteuer bis 45%. finanztip.de ↩ ↩2

  4. Netzwerk Steuergerechtigkeit – Effektiver Steuersatz der Superreichen, Arbeitspapier 2025. netzwerk-steuergerechtigkeit.de ↩ ↩2

  5. BMF Monatsbericht August 2025 – Steuerquote ohne Sozialabgaben 23,1%, internationaler Vergleich. bundesfinanzministerium.de ↩ ↩2

  6. BMF / IMD / World Happiness Report – Dänemark: 47,4% Abgabenquote, Platz 2 Happiness, Platz 4 Wettbewerbsfähigkeit, BIP/Kopf 73.300 vs. 57.900 USD. imd.org ↩

  7. Tax Foundation – Erbschaftsteuer-Spitzensätze international, Deutschland nominal 30%. taxfoundation.org ↩

  8. Netzwerk Steuergerechtigkeit – 45 Großerben 2024: 12 Mrd. geerbt, 95% Steuer erlassen, effektiv 1,5%. netzwerk-steuergerechtigkeit.de ↩

  9. BVerfG – Urteile 2006 und 17.12.2014 (1 BvL 21/12): Erbschaftsteuer-Privilegien verfassungswidrig. bundesverfassungsgericht.de ↩

  10. Netzwerk Steuergerechtigkeit – 3.630 Großerben 2009-2020: 260 Mrd. Euro steuerfrei, Ø 70 Mio. pro Person. netzwerk-steuergerechtigkeit.de ↩

  11. Netzwerk Steuergerechtigkeit – Übertragungen über 20 Mio. Euro: 72% steuerfrei (2021). netzwerk-steuergerechtigkeit.de ↩

  12. Datapulse / Surplus Magazin – 75% der 171 deutschen Milliardäre sind Erben, letzter Platz Self-Made-Quote weltweit. surplusmagazin.de ↩

  13. LobbyControl / Campact – Stiftung Familienunternehmen: Förderer Schwarz-Gruppe, Aldi, Bosch, BMW/Quandt/Klatten, Oetker, Bertelsmann. lobbycontrol.de ↩

  14. Greenpeace – Über 50% der Familien im SFU-Netzwerk über 400 Mio. Vermögen, ein Drittel Milliardäre. greenpeace.de ↩

  15. ZDF / Finanzwende – CumEx + CumCum Gesamtschaden: ~40 Mrd. Euro. finanzwende.de ↩

  16. Finanzwende – CumEx-Rückforderungen bis Ende 2023: 205 Mio. Euro bei 10+ Mrd. Schaden. finanzwende.de ↩

  17. ZDF Markus Lanz – Anne Brorhilker, 19.02.2026: „Es gab nie eine Gesetzeslücke.“ ↩

  18. Campact – Ab 2026 Verkürzung der Aufbewahrungsfristen, CumCum-Beweisdokumente dürfen vernichtet werden. campact.de ↩

  19. NW.de – DAX-Konzerne effektive Steuerquote: 52,1% (1988) → 25,7% (2020). nw.de ↩

  20. Fabio De Masi – 3.791 DAX-Beteiligungen in Steueroasen (21% aller Beteiligungen), 2.085 in Delaware. fabio-de-masi.de ↩

  21. FragDenStaat – Siemens 39 Tochterfirmen in Grünwald, Hebesatz 240% vs. Ø 438%. fragdenstaat.de ↩

  22. Netzwerk Steuergerechtigkeit – Jahrbuch 2024: Digitalkonzerne 3% auf in Deutschland erzielte Gewinne. netzwerk-steuergerechtigkeit.de ↩

  23. BAG Schweiz – Krankenkassenprämie 2026: 465,30 CHF/Monat für Erwachsene, obligatorisch. bag.admin.ch ↩

  24. WSI / ESTV – Schweizer Vermögensteuer: alle 26 Kantone, seit 100+ Jahren. Einnahmen 2022: 9,015 Mrd. CHF. wsi.de ↩

  25. Schweizerische Bundeskanzlei – Volksabstimmung 25.09.2022: MwSt-Erhöhung zur Finanzierung der AHV, 55,07% Zustimmung. bk.admin.ch ↩

  26. France Stratégie – ISF 4,2 Mrd. Euro (2017) → IFI 1,29 Mrd. Euro (2018), Einbruch -69%. strategie-plan.gouv.fr ↩

  27. CAE / France Stratégie – Kein belastbarer Nachweis für Investitionseffekte durch ISF-Abschaffung. nachrichten.fr ↩

  28. Netzwerk Steuergerechtigkeit / Momentum Institut – Norwegen: Vermögensteuer erhöht 2022, Einnahmen +55% (18,5 → ca. 31 Mrd. NOK nominal), einzelne Hundert Millionäre abgewandert. netzwerk-steuergerechtigkeit.de ↩

  29. Oxfam / Netzwerk Steuergerechtigkeit – „Keine Angst vor Steuerflucht“: CRS, Wegzugsbesteuerung, automatischer Informationsaustausch. oxfam.de ↩

  30. DGB – Steuerkonzept: Vermögensteuer 1% ab 1 Mio. Euro, 28 Mrd. Euro/Jahr, ca. 800.000 Personen. dgb.de ↩

  31. ifo Institut – Einfachere Erbschaftsteuer mit niedrigem Einheitssatz, alle Ausnahmen abschaffen. ifo.de ↩

  32. Baker Tilly / DIW – Abgeltungssteuer abschaffen, Kapitalerträge progressiv besteuern, Mehreinnahmen 5-12 Mrd. bakertilly.de ↩

  33. Finanztransaktionssteuer.de / Attac – 0,1% FTT, ~10 Mrd. Euro DE-Anteil (konservativ). finanztransaktionssteuer.de ↩

  34. BMF / OECD – Globale Mindeststeuer 15% für Großkonzerne, niedrige einstellige Milliarden für DE. bundesfinanzministerium.de ↩

  35. Geldfuerdiewelt / Ver.di – 1 Betriebsprüfer: 50.000€ Kosten, 1 Mio. € Ertrag (Faktor 20). 3.050 fehlende Prüfer. geldfuerdiewelt.de ↩

  36. Finanzwende – Gewerbesteuer-Befreiung für Mieteinnahmen seit 1935. finanzwende.de ↩

  37. Eigene Berechnung auf Basis von DGB, DIW, ifo, OECD, Finanzwende. Vollständige Aufschlüsselung: mehrheitmachen.de/argumente/steuern-wer-zahlt-wirklich ↩

  38. DGB – Vermögensteuer ab 1 Mio. Nettovermögen betrifft ca. 800.000 Personen von ~84 Mio. Erwachsenen (<1%). dgb.de ↩

  39. IWF – „How to Tax Wealth“ (2024), OECD empfiehlt stärkere Vermögensbesteuerung. imf.org ↩

  40. Forbes / Manager Magazin – 34 Milliardäre in Deutschland 2000, 171 im Jahr 2024. netzwerk-steuergerechtigkeit.de ↩

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