Echte Freiheit ermöglicht Menschen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ohne Zwänge und Auflagen von außen und ohne Szenarien, die vorbestimmt und vorgeplant sind. Es sieht ganz danach aus, dass 2026 das Jahr werden könnte, in dem die Menschen des Iran sich aus den Fesseln der religiösen Unterdrückung befreien. Nicht, weil sie von außen unterstützt würden, sondern weil das Land wirtschaftlich am Ende ist und die Perspektivlosigkeit vor allem für junge Menschen ihren Zenit erreicht hat.
Um die aktuellen Vorgänge im Land zu verstehen, muss man in die frühen 1950er Jahre zurückblicken.
1953: Der Westen predigt Freiheit – und installiert einen Diktator
Zu dieser Zeit war Mohammad Mossadegh demokratisch gewählter Premierminister. Als Nationalist wagte er es, das iranische Öl – bisher unter britischer Kontrolle – zu verstaatlichen. Im März 1951 stimmte das iranische Parlament für die Verstaatlichung der Anglo-Iranian Oil Company, die das iranische Öl seit Jahrzehnten als britisches Monopol kontrolliert hatte.1
Amerika ist kein Partner mehr. Wir sollten endlich aufhören, so zu tun.
Trumps Auto-Zoll und der Truppenabzug aus Deutschland sind kleiner als die Schlagzeilen – und größer als die Beschwichtigung. Eine Bestandsaufnahme in drei Ebenen: was real ist, was die Medien daraus machen, und was es kostet, wenn Europa endlich erwachsen wird.
→ WeiterlesenAufgrund des Kalten Krieges war das für den Westen inakzeptabel. Die Briten drängten auf amerikanisches Eingreifen und stellten Mossadegh als kommunistische Bedrohung dar – ob er tatsächlich kommunistische Sympathien hegte, ist historisch umstritten. Sicher ist: Seine nationalistische Politik und seine Bereitschaft, westliche Ölinteressen herauszufordern, machten ihn für Washington und London untragbar.
Als Antwort stürzte der amerikanische Geheimdienst CIA 1953 die erste echte Demokratie des Iran, um den Schah als autokratischen Herrscher zu installieren. Die Operation Ajax – so der Codename – war das erste Mal, dass die CIA den Sturz einer demokratisch gewählten Regierung orchestrierte.2 CIA-Agenten verbreiteten Desinformation, organisierten Straßenproteste und schüchterten politische und religiöse Führer ein, um den Anschein einer Volksopposition gegen Mossadegh zu erzeugen.
Die Lektion, die viele Iraner damals lernten: Der Westen predigt die Freiheit, installiert aber Diktatoren, wenn es ums Öl geht.
Modernisierung mit dunklem Schatten
In den Folgejahren modernisierte der Schah das Land und machte es zur fünftgrößten Militärmacht der Welt. Seine „Weiße Revolution“ – eine weitreichende Serie von Reformen – verteilte Land an etwa 2,5 Millionen Familien, brachte Bildung und Gesundheitsversorgung in ländliche Gebiete und stärkte die Rechte der Frauen. Die Wirtschaft boomte, das reale BIP pro Kopf verdreifachte sich zwischen 1950 und 1979.3
Doch der Glanz hatte einen dunklen Schatten: den SAVAK.
Das Regime des Schahs erkannte, dass allein mit militärischer Gewalt der Machterhalt nur schwer zu garantieren wäre. Um präventiv zu überwachen, die Opposition klein zu halten und Intellektuelle einzuschüchtern, wurde der iranische Geheimdienst SAVAK gegründet. Die erste Generation von SAVAK-Offizieren wurde durch die CIA ausgebildet, ab etwa 1963 übernahm der israelische Geheimdienst Mossad eine Schlüsselrolle im Training – vor allem bei Verhörtechniken und Gegenspionage.4
Auf seinem Höhepunkt beschäftigte der SAVAK Tausende Agenten, die Telefonate abhörten, Post öffneten und Akten über Hunderttausende Iraner führten. Die Behörde infiltrierte Universitäten, religiöse Institutionen und selbst Privathaushalte. Sie wurde berüchtigt für ihre brutalen Verhörmethoden: Schlafentzug, Isolationshaft, Elektroschocks, Scheinhinrichtungen und systematische Folter. Die allgegenwärtige Überwachung schuf eine Atmosphäre, in der Iraner Angst hatten, abweichende Meinungen selbst gegenüber Familienmitgliedern zu äußern.5
Während die Elite in Teheran westlichen Luxus genoss, wuchs in den Armenvierteln und unter den Religiösen der Hass. Die Modernisierung war sichtbar mit westlichem – speziell amerikanischem – Einfluss verbunden. Für viele Iraner repräsentierte das Regime des Schahs nicht Fortschritt, sondern Fremdherrschaft und kulturellen Imperialismus, mit amerikanischer Macht hinter dem Thron.
Die Geschichte wiederholte ihr Muster: Ein Regime, das sich unverwundbar fühlt, übersieht, dass es auf einem Pulverfass sitzt.
1979: Eine Revolution wird gekapert
Dann kam 1979. Was als breiter Volksaufstand gegen die Tyrannei begann, wurde von Ayatollah Khomeini gekapert. Dieser nutzte das entstandene Machtvakuum geschickt, um moderate Stimmen auszuschalten.
Das entscheidende Instrument war die Geiselnahme in der US-Botschaft. Am 4. November 1979 besetzten militante Studenten die amerikanische Botschaft in Teheran und nahmen 52 Amerikaner als Geiseln. Die Krise dauerte 444 Tage. Während sie in der iranischen Revolutionsmythologie als spontaner Volksakt dargestellt wird, erkennen Historiker zunehmend, dass sie teilweise von Khomeini und seinen Verbündeten orchestriert wurde, um die theokratische Macht zu festigen.6
Die Geiselkrise diente mehreren strategischen Zwecken: Sie einte die Nation um anti-amerikanische Stimmung und lenkte von internen Spaltungen ab. Sie ermöglichte Khomeini, moderate Kräfte innerhalb der Revolutionsregierung auszuschalten – insbesondere Premierminister Mehdi Bazargan, der eine eventuelle Annäherung an die USA befürwortete. Bemerkenswert: Khomeini hatte zuvor heimlich mit der Carter-Administration verhandelt und signalisiert, er sei nicht gegen amerikanische Interessen im Iran.7 Doch nachdem er die theokratische Macht intern gefestigt hatte, brauchte er keine Versöhnung mehr.
Die tragische Ironie: Die Revolution, die „Unabhängigkeit und Freiheit“ versprach, ersetzte lediglich den weltlichen Diktator durch einen religiösen. Das System des Velayat-e Faqih – der Herrschaft des Rechtsgelehrten – zementierte eine Theokratie, die noch repressiver war als das System, das sie gestürzt hatte. Der Oberste Führer erhielt weitreichende Macht über Militär, Justiz, Staatsmedien und Sicherheitskräfte – Macht, die weit über die des gewählten Präsidenten hinausgeht. Er ist laut der Rechtstheorie des Regimes nur Gott gegenüber rechenschaftspflichtig.8
Auch der Geheimdienst blieb – nur unter neuem Namen. Die Revolutionsgarden (IRGC) agieren heute als Staat im Staat, nunmehr mit der Aufgabe, die Macht des Klerus zu erhalten statt das Land vor dem Kommunismus zu schützen.
Die USA, die 1953 intervenierten, um den Kommunismus zu stoppen, hatten ungewollt eine anti-amerikanische Theokratie erschaffen. 1953 führte zu 1979.
2026: Der Kreis schließt sich
Heute, fast 50 Jahre später, stehen die Enkel der Revolutionäre von 1979 auf der Straße. Doch dieses Mal rufen sie nicht „Tod Amerika“, sondern sehnen sich nach der Ära vor 1979 zurück – symbolisiert durch die alte Löwe-und-Sonne-Flagge, die Protestierende überall im Land hissen.9
Was Ende Dezember 2025 als Protest gegen steigende Inflation begann, hat sich zur größten Oppositionsbewegung seit der Revolution selbst entwickelt. Mitte Januar 2026 hatten sich die Demonstrationen auf über 190 Städte in allen iranischen Provinzen ausgebreitet. Allein am 8. Januar wurden Proteste an mindestens 156 Orten in 27 Provinzen dokumentiert – fast doppelt so viele wie am Vortag.10
Das Regime reagiert mit einer Brutalität, die seine Panik verrät: Sicherheitskräfte setzen scharfe Munition gegen unbewaffnete Zivilisten ein. Innerhalb der ersten zwei Wochen wurden mindestens 51 bis 72 Tote bestätigt, die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen. Über 2.300 Menschen wurden festgenommen.11 Am 8. Januar verhängte das Regime einen landesweiten Internet-Blackout – eine Taktik, die historisch den brutalsten Niederschlagungen vorausgeht. Der Generalstaatsanwalt hat Protestierende als „Feinde Gottes“ bezeichnet, eine Einstufung, die nach iranischem Recht die Todesstrafe nach sich ziehen kann.12
Besonders alarmierend für das Regime: Es hat erstmals die Bodentruppen der Revolutionsgarden (IRGC) eingesetzt – eine militärische Eskalationsstufe, die normalerweise größeren Aufständen vorbehalten ist. Berichten zufolge wurden mindestens zwei IRGC-Soldaten bei Zusammenstößen in der Provinz Kermanshah getötet.13 Das Regime behandelt friedliche Proteste als bewaffnete Bedrohung.
Die strategische Lage Teherans ist so schwach wie nie zuvor: Die Hisbollah wurde im Libanon dezimiert, Assad ist in Syrien gefallen, die Wirtschaft liegt am Boden, das Atomabkommen ist tot. Die wirtschaftliche Erschöpfung, die diese externen Druckfaktoren begleitet, kollidiert nun direkt mit der Fähigkeit des Regimes, innere Unruhen zu unterdrücken.14
Die Trump-Administration hat ihre Unterstützung für die Protestierenden erklärt und mit „schweren Konsequenzen“ gedroht, sollte das Regime „anfangen, Menschen zu töten“.15 Ob amerikanische Unterstützung den Protestierenden hilft oder sie letztlich untergräbt, bleibt eine offene Frage – das historische Muster legt nahe, dass ausländische Intervention in Irans innere Angelegenheiten selten die beabsichtigten Ergebnisse hervorbringt.
Die bittere Lehre
Was sich 2026 im Iran abspielt, ist mehr als eine Krise – es ist das Urteil der Geschichte über ein halbes Jahrhundert verfehlter Politik.
Jede gewaltsame Unterdrückung und jede ausländische Intervention im Iran hat nur den Samen für die nächste Krise gesät. 1953 führte zu 1979. Und 1979 führt nun zu 2026.
Die Islamische Republik steht vor derselben fundamentalen Herausforderung, die das Regime des Schahs zerstört hat: einer Bevölkerung, die Freiheit von Autoritarismus fordert, wirtschaftliche Gerechtigkeit und das Recht, ihre eigene Regierung zu bestimmen. Die Revolution, die Iran von der Diktatur befreien sollte, hat stattdessen eine andere Form der Diktatur erschaffen – eine, die sich als ebenso verwundbar erweist, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen versagen und Repression die Massenunzufriedenheit nicht mehr eindämmen kann.
Die Menschen im Iran kämpfen nicht nur gegen ein Regime. Sie kämpfen gegen einen historischen Fluch – für das Recht, endlich ihre eigene Geschichte zu schreiben.
Ein Systemwechsel wäre dabei nicht nur für die persische Mehrheit relevant: Er könnte auch jahrzehntelange ethnische und religiöse Verfolgung von Kurden, Jesiden, Bahai, Aserbaidschanern und anderen Minderheiten beenden. Diese wurden unter der Theokratie nicht nur diskriminiert, sondern systematisch verfolgt, inhaftiert, gefoltert und hingerichtet – die Bahai etwa gelten dem Regime als „Ungläubige“, kurdische Aktivisten werden als „Separatisten“ exekutiert.
Europa – und Deutschland – sollten genau hinschauen. Ein Ende der Islamischen Republik würde den gesamten Nahen Osten umwälzen: Der größte staatliche Sponsor von Terrororganisationen fiele weg, die Hisbollah verlöre ihren Finanzier, der Druck auf Israel von seiner Nordgrenze nähme ab. Ein säkularer, demokratischer Iran könnte zum Stabilitätsanker einer Region werden, die seit Jahrzehnten von Stellvertreterkriegen zerrissen wird. Was im Iran geschieht, ist keine innere Angelegenheit – es ist eine Frage von Krieg und Frieden für Millionen Menschen weit über seine Grenzen hinaus.
Quellen
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Britannica: 1953 coup in Iran ↩
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Wikipedia: 1953 Iranian coup d'état ↩
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Britannica: The White Revolution ↩
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Explaining History: SAVAK and the Mechanisms of Authoritarian Consolidation ↩
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Britannica: Iran hostage crisis ↩
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Wikipedia: Jimmy Carter's engagement with Ruhollah Khomeini ↩
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Tony Blair Institute: What is Velayat-e Faqih? ↩
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BBC News: Iran protests: What we know ↩
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Critical Threats: Iran Update, January 8, 2026 ↩
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ABC News: Death toll in 2-week protests challenging Iran's theocracy ↩
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Iran International: Berichterstattung zu den Protesten ↩
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Iran International: IRGC soldiers killed in Kermanshah ↩
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Euronews: „A big storm is coming" – Iranian analyst ↩
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Al Jazeera: Iran's army pledges to defend national interests after US backs protesters ↩