20.05.2026/Essay

„Halb so wild?“

Klimaforscher haben das schlimmste Erwärmungsszenario gestrichen. Trump und die AfD feiern das als Ende des „Klima-Alarmismus“. Dabei feiern sie den Erfolg genau der Energiewende, die sie abschaffen wollen.


In der vergangenen Woche lief durch die deutschen Nachrichten eine Schlagzeile, die klang wie eine Erlösung. „Klima-Szenarien angepasst: Erderwärmung halb so wild?“ Klimaforscher, hieß es, hätten ihre schlimmsten Prognosen kassiert. Das gefährlichste Szenario der Erderhitzung gelte nun als „unplausibel“. US-Präsident Donald Trump feierte den Befund umgehend als Absage an den „Klima-Alarmismus“. In Deutschland jubelten die einschlägigen Kanäle: Die Klima-Katastrophe sei abgesagt, die Wissenschaft rudere zurück, man habe es ja immer gewusst.

Es lohnt sich, an dieser Stelle nicht weiterzuscrollen. Denn die Meldung stimmt. Das schlimmste Szenario ist tatsächlich vom Tisch. Nur bedeutet das etwas vollständig anderes als das, was Trump und seine deutschen Nachahmer daraus machen.

Wer versteht, warum dieses Szenario gestrichen wurde, kommt zum gegenteiligen Schluss. Es ist kein Beleg gegen die Klimapolitik. Es ist der bislang beste Beleg dafür, dass sie wirkt.

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Was tatsächlich passiert ist

Im Mai 2026 hat die ScenarioMIP-Arbeitsgruppe ein Fachpapier veröffentlicht. Diese Gruppe entwirft die Emissionsszenarien, auf denen die Klimamodelle für den nächsten Sachstandsbericht des Weltklimarats aufbauen. Sie legt fest, welche Zukünfte die Wissenschaft überhaupt noch durchrechnet.

In ihrem neuen Entwurf, erschienen im Fachjournal Geoscientific Model Development (van Vuuren et al. 2026), fehlt eine Zukunft, die fünfzehn Jahre lang als Referenz galt: das Hoch-Emissions-Szenario mit dem Kürzel SSP5-8.5. Es beschrieb eine Welt, die schnell wächst, immer mehr Kohle, Öl und Gas verbrennt und beim Klimaschutz im Wesentlichen nichts tut. In dieser Welt stieg die Temperatur bis 2100 um rund 4,4 Grad, in den oberen Modellrechnungen auf über fünf.

Über dieses Szenario schreiben die Autorinnen und Autoren jetzt diesen Satz. In der deutschen Übersetzung:

Am oberen Ende des Spektrums sind die hohen Emissionsszenarien des CMIP6 angesichts der Entwicklung der Kosten für erneuerbare Energien, der zunehmenden Bedeutung der Klimapolitik und der jüngsten Emissionstrends nicht mehr plausibel.

Bemerkenswert ist daran nicht der Befund. Bemerkenswert ist seine Begründung.

Was ein Szenario eigentlich ist

Trump und die deutschen Klimaleugner lesen diese Meldung als Geständnis. Die Wissenschaft habe übertrieben, jetzt gebe sie es zu. So einfach ist es nicht. Der Grund steckt im Wesen eines Szenarios.

Ein Klimaszenario

Es ist keine Vorhersage. Es ist ein Wenn-dann-Satz. Wenn die Welt sich auf eine bestimmte Weise verhält, so viele Menschen, so viel Energie, dieser Mix aus Energieträgern, diese oder jene Politik, dann erwärmt sich der Planet voraussichtlich um diesen Betrag. Ein Szenario kann nicht „falsch“ sein. Es kann nur unwahrscheinlich werden, weil die Welt sich anders verhält als angenommen.

Genau das ist mit SSP5-8.5 geschehen. Dieses Szenario beschrieb eine Welt ohne Alternative zu fossiler Energie. Eine Welt, in der Kohle billig bleibt, in der Öl und Gas konkurrenzlos sind, in der keine Regierung ernsthaft gegensteuert. Diese Welt hat es einmal gegeben. Heute gibt es sie nicht mehr.

Die Forscher sagen es selbst, und sie nennen drei Gründe: die gefallenen Kosten der erneuerbaren Energien, das Aufkommen realer Klimapolitik, die jüngsten Emissionstrends. Übersetzt heißt das: Das schlimmste Szenario ist nicht verschwunden, weil die Wissenschaft sich verrechnet hätte. Es ist verschwunden, weil die Menschheit angefangen hat, etwas dagegen zu tun.

Detlef van Vuuren, der niederländische Hauptautor, formuliert es unmissverständlich: Die Wissenschaft habe nicht falschgelegen und keine Hysterie verbreitet. Sie habe mögliche Zukünfte an eine veränderte Realität angepasst. Der Ökonom Johannes Emmerling vom European Institute on Economics and the Environment ergänzt: „Vielmehr hat sich im vergangenen Jahrzehnt dank politischem Momentum, technologischem Fortschritt und ökonomischen Anreizen schon einiges bewegt, um zumindest dieses Worst-Case-Szenario zunehmend unrealistisch erscheinen zu lassen.“

Die Klimaforschung hat hier nichts eingeräumt. Sie hat eine Prognose abgeliefert, die ihren Zweck erfüllt hat. Eine Warnung wird ausgesprochen, damit der gewarnte Fall nicht eintritt. Tritt er nicht ein, hat die Warnung gewirkt.

Die andere Hälfte der Nachricht

Wer nur die Schlagzeile liest, verpasst die zweite Hälfte. Und die ist düster.

Dasselbe Fachpapier, das das schlimmste Szenario streicht, verschlechtert das beste. Das Ziel, die Erderwärmung dauerhaft unter 1,5 Grad zu halten, gilt nun als nicht mehr erreichbar. Selbst die optimistischsten Szenarien, schreibt van Vuuren, kehren erst gegen Ende des Jahrhunderts wieder in die Nähe von 1,5 Grad zurück. Und das erst nach einem deutlichen Überschreiten um mindestens 0,2 bis 0,3 Grad.

Der Grund ist unbequem: Die weltweiten Treibhausgas-Emissionen sind in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Die Kurve hat sich gebogen, aber sie zeigt noch nach oben.

Auch das gestrichene Worst-Case-Szenario ist kein Grund zur Entspannung. Das neue obere Ende liegt bei rund 3,5 Grad. Laut van Vuuren ist das „ein Wert, bei dem sehr schwerwiegende Klimafolgen zu erwarten sind“. Auf dem Pfad, den die heutige Politik beschreibt, steuert die Welt laut UN-Umweltprogramm ohnehin auf etwa 2,8 Grad bis 2100 zu.

Der Kölner Klimaforscher Niklas Höhne fügt eine Beobachtung hinzu, die in keiner Jubel-Schlagzeile vorkam. Die Wissenschaft, sagt er, „geht heute von sehr viel gravierenden Auswirkungen für ein bestimmtes Temperaturniveau aus als noch vor zehn Jahren“. Vor allem die Wahrscheinlichkeit von Kipppunkten werde heute erheblich höher eingeschätzt. Gemeint sind Schwellen, ab denen sich Entwicklungen unumkehrbar beschleunigen. Sein Fazit: „Damit sind die Auswirkungen des aktuellen Szenarios mit den höchsten Emissionen in etwa so gravierend, wie es vor zehn Jahren vom Worst-Case-Szenario erwartet wurde.“

Man muss diesen Satz zweimal lesen. Das schlimmste Szenario wurde nicht harmloser. Das nächstschlimmere ist nachgerückt. Und schon eine Erwärmung um 1,5 Grad, daran erinnert das Bundesumweltministerium, bedeutet das, was wir längst erleben: „mehr Dürren, Hitzewellen, Waldsterben, Überschwemmungen oder anderen Wetterextreme“.

Wem die gute Nachricht gehört

Bleibt der Teil, der die Meldung erst politisch macht. Denn es gibt eine gute Nachricht in alldem, und sie ist echt. Diana Rechid vom Helmholtz-Zentrum Hereon nennt die Streichung des schlimmsten Szenarios „eine großartige Nachricht“. Es seien, sagt sie, die technologischen, ökonomischen und politischen Errungenschaften der vergangenen Jahre, die ein vor über fünfzehn Jahren aufgestelltes Katastrophenszenario unrealistisch gemacht hätten.

Eine gute Nachricht hat Urheber. Und hier liegt der entscheidende Punkt.

Das schlimmste Szenario wurde unmöglich, weil Solarstrom heute laut der Internationalen Agentur für erneuerbare Energien rund 90 Prozent billiger ist als 2010 und Windkraft an Land rund 70 Prozent. Weil das Erneuerbare-Energien-Gesetz, der europäische Emissionshandel und unzählige nationale Programme den fossilen Pfad ökonomisch ruiniert haben. Weil Millionen Menschen Solaranlagen auf Dächer geschraubt, Windparks durchgesetzt, Klimapolitik gewählt und ertragen haben.

Donald Trump hat dazu nichts beigetragen. Er hat es bekämpft. Die AfD hat in keinem deutschen Parlament eine einzige Windkraftanlage befürwortet. Sie hat gegen jede gestimmt. Und nun feiern beide das Ergebnis genau der Politik, die sie zerstören wollen, als Beweis dafür, dass diese Politik überflüssig war.

Das ist mehr als Heuchelei. Es ist eine Selbstwiderlegung.

Denn die Wissenschaft hat das schlimmste Szenario aus einem bestimmten Grund gestrichen: Erneuerbare wurden billig, und Klimapolitik begann zu wirken. Daraus folgt ein unbequemer Umkehrschluss. Wer diese beiden Dinge zurückdreht, macht das schlimmste Szenario wieder plausibel. Ein Ende der Erneuerbaren-Förderung, ein Abschaffen des CO2-Preises, ein Ausstieg aus dem Klimaschutz: Das ist nicht das Gegenprogramm zum Worst-Case-Szenario. Das ist die Bauanleitung dafür. Wer fordert, was AfD und Trump fordern, will die Welt zurück auf genau den Pfad führen, den die Wissenschaft gerade als unplausibel aus dem Referenzrahmen genommen hat.

Sie feiern die Absage der Katastrophe und arbeiten zugleich an ihrer Rückkehr.

Was daraus folgt

Es sind zwei Dinge gleichzeitig wahr, und nur wer beide hält, hat die Lage verstanden.

Erstens: Die Lösung wirkt. Das ist keine Hoffnung, das ist ein gemessenes Ergebnis. Ein Szenario, an dem ein Jahrzehnt lang Tausende Studien und politische Entscheidungen hingen, ist Geschichte, weil Technik, Markt und Politik die Welt verändert haben. Wer je gefragt hat, ob das alles überhaupt etwas bringt, hat hier seine Antwort. Es bringt etwas. Nachweislich.

Zweitens: Es reicht nicht. Das beste Szenario ist schlechter geworden, weil die Emissionen weiter gestiegen sind. Die Kurve biegt sich, aber zu langsam. 1,5 Grad werden überschritten. Kipppunkte rücken näher.

Aus diesen zwei Wahrheiten folgt keine Entwarnung. Es folgt das Gegenteil: beschleunigen. Ein Instrument hat nachweislich funktioniert, der Ausbau der Erneuerbaren, ein wirksamer CO2-Preis, verlässliche Klimapolitik. Genau das müsste jetzt schneller und entschlossener kommen. Und genau das will die Gegenseite abräumen.

Es geht hier um mehr als Klima. Es geht um die Frage, ob eine Demokratie sich noch zutraut, ein Problem zu lösen. Die Streichung von SSP5-8.5 ist einer der seltenen Fälle, in denen sich kollektives, demokratisch beschlossenes Handeln in einer messbaren Zahl niederschlägt. So etwas ist kostbar. Es beweist, dass es sich lohnt, sich anzustrengen.

Genau deshalb wird gerade so hart daran gearbeitet, diesen Beweis in sein Gegenteil zu verdrehen. Die Erzählung „Die haben uns belogen“ ist kein Versehen. Sie hat einen Zweck. Eine Bevölkerung, die glaubt, dass nichts hilft und jede Anstrengung umsonst ist, lässt sich leicht regieren. Mobilisieren lässt sie sich nicht mehr. Resignation ist das bequemste Wahlkampfgeschenk, das man den Gegnern des Klimaschutzes machen kann.

„Halb so wild?“ Nein. Die Erderhitzung bleibt die größte Herausforderung dieses Jahrhunderts. Aber das schlimmste Kapitel ist gerade geschlossen worden. Von Menschen, die gehandelt haben.

Die Klimapolitik scheitert hier nicht. Sie hat ihren ersten großen Erfolg vorzuweisen. Und keinen Grund, jetzt aufzuhören.


Quellen

Tagesspiegel (20.05.2026), Klima-Szenarien angepasst, Erderwärmung halb so wild: tagesspiegel.de/wissen/klimawandel-klima-szenarien-angepasst-erderwarmung-halb-so-wild-15616286.html Stern (20.05.2026), Klima-Szenarien angepasst: stern.de/panorama/wissen/klimawandel--klima-szenarien-angepasst--erderwaermung-halb-so-wild--37416096.html Watson (19.05.2026), Worst-Case-Szenario abgesagt: watson.ch/international/usa/829473788-klimawandel-worst-case-szenario-abgesagt-grossartige-nachricht Watson (06.05.2026), Weltklimarat streicht das schlimmste Szenario: watson.ch/wissen/forschung/140357559-weltklimarat-streicht-das-schlimmste-szenario-rcp8-5 Euronews (19.05.2026), Neue Klimamodelle, wie heiß wird es bis 2100: de.euronews.com/2026/05/19/worst-case-erwarmung-sinkt-um-ein-grad-dank-billiger-solar-und-windkraft Express (20.05.2026), Bestes Szenario wird düsterer: express.de/nachhaltigkeit/natur-und-klima/klima-schock-forscher-korrigieren-prognose-bestes-szenario-wird-duesterer-schlimmstes-unwahrscheinlicher-1284076 van Vuuren, D. P. et al. (2026), The CMIP7 ScenarioMIP design, Geoscientific Model Development 19, 2627 ff.: gmd.copernicus.org/articles/19/2627/2026/ IRENA, Renewable Power Generation Costs, Kostenrückgang Photovoltaik und Onshore-Wind seit 2010: irena.org/Publications UN-Umweltprogramm (UNEP), Emissions Gap Report, aktueller Politikpfad rund 2,8 Grad bis 2100: unep.org/resources/emissions-gap-report Bundesumweltministerium, Folgen einer Erwärmung um 1,5 Grad, zitiert in Tagesspiegel und Stern (20.05.2026)

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