18.01.2026/Essay

Merz nennt Sie faul. Die Daten sagen etwas anderes.

Der Bundeskanzler will längere Arbeitszeiten und diffamiert Work-Life-Balance als Luxus. Die Wissenschaft zeigt: Seine Vorschläge würden Krankenstände erhöhen, Produktivität senken und Milliarden kosten. Eine Analyse.


Friedrich Merz möchte, dass Sie länger arbeiten. 13 Stunden am Tag, 48 Stunden die Woche. Work-Life-Balance? Luxus. Vier-Tage-Woche? Gefahr für den Wohlstand.

Die Botschaft zwischen den Zeilen ist unmissverständlich: Sie sind zu bequem geworden.

Doch wer sich die Daten anschaut – und das sollten wir tun, bevor wir einer solchen Erzählung folgen – sieht ein anderes Bild. Ein Bild von Rekord-Krankenständen, explodierenden Burnout-Zahlen und einer Arbeitswelt, die Menschen krank macht, nicht faul.

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Was der Kanzler fordert

Es lohnt sich, genau hinzuhören. Nicht auf das, was Merz andeutet – sondern auf das, was er konkret vorschlägt:

  • Den Acht-Stunden-Tag abschaffen. Die tägliche Höchstarbeitszeit soll auf bis zu 13 Stunden steigen.
  • Eine 48-Stunden-Woche als neue Normalität. Nicht als Ausnahme, sondern als Regelfall.
  • Das Arbeitszeitgesetz „flexibilisieren“ – ein Euphemismus für: den bestehenden Schutz aushöhlen.

„Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, sagte Merz. Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lasse sich die Volkswirtschaft nicht weiterentwickeln.

Die Botschaft ist klar: Wenn es Deutschland wirtschaftlich nicht gut geht, liegt es an Ihnen. An Ihrer Bequemlichkeit. An Ihrem Wunsch nach einem Leben neben der Arbeit.

Das klingt nach harter Wahrheit. Aber ist es eine?


Die Realität in deutschen Betrieben

Schauen wir uns an, was tatsächlich passiert.

Rekord-Krankenstände

2024 lag der Krankenstand bei 5,4 Prozent – nur minimal unter dem historischen Höchstwert von 5,5 Prozent aus dem Vorjahr. An jedem Arbeitstag waren 54 von 1.000 Beschäftigten krankgeschrieben.

Die durchschnittliche Zahl der Krankheitstage pro Beschäftigtem erreichte 2023 mit 15,1 Tagen den höchsten Wert seit Jahrzehnten.

Insgesamt summieren sich die Arbeitsunfähigkeitstage 2024 auf 881,5 Millionen – mehr als 20 Tage pro Beschäftigtem.

Das sind keine Zahlen, die auf eine faule Bevölkerung hindeuten. Das sind Zahlen, die auf ein Problem hindeuten.

Die psychische Gesundheit kollabiert

Der Anteil psychischer Erkrankungen am Krankenstand liegt bei 17,4 Prozent. Und er steigt seit Jahren unaufhaltsam:

  • Die AU-Tage wegen psychischer Erkrankungen sind seit 2014 um 47 Prozent gestiegen.
  • Burnout-assoziierte Fehltage haben sich fast verdoppelt: von 100 auf 184 Tage je 100 Versicherte.
  • Jede Erwerbsperson war 2024 im Schnitt 3,74 Tage wegen psychischer Störungen krankgeschrieben – Rang zwei der häufigsten Diagnosen.

Die Ursachen laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Verdichtung der Arbeit, ständige Erreichbarkeit, Entgrenzung der Arbeitszeit.

Merz’ Lösung für dieses Problem? Noch längere Arbeitszeiten. Noch mehr Entgrenzung.


Der Mythos vom „Blaumacher“

Aber sind die Deutschen nicht einfach zu weich geworden? Melden sie sich nicht krank, obwohl sie arbeiten könnten?

Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt hat diese Frage 2025 beantwortet: Der Rekordkrankenstand „geht nicht in großem Stil auf Menschen zurück, die nur krank spielen“.

Die tatsächlichen Gründe für den statistischen Anstieg:

  1. Infektionswellen nach dem Ende der Corona-Schutzmaßnahmen
  2. Der eAU-Meldeeffekt: Die elektronische Krankmeldung erfasst Krankschreibungen besser als früher – ein Statistikeffekt von bis zu 60 Prozent
  3. Tatsächlich steigende psychische Belastung durch schlechte Arbeitsbedingungen

Was die Daten ebenfalls zeigen: Viele Deutsche leisten unbezahlte Überstunden und arbeiten länger als vertraglich vereinbart.

Das ist das Gegenteil von „faul“. Das ist eine Arbeitswelt, die immer mehr aus Menschen herauspresst.


Was die Wissenschaft über lange Arbeitszeiten weiß

Merz und sein Umfeld tun so, als wäre „mehr Arbeit“ automatisch „mehr Produktivität“. Die Arbeitsforschung widerspricht.

Nach acht Stunden wird es gefährlich

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist eindeutig:

Befund Konsequenz
Nach der 8. Arbeitsstunde Unfallrisiko steigt deutlich
Über 10 Stunden Hoch riskant
Bei langen Arbeitszeiten Mehr Fehlhandlungen, Medikationsfehler, Unfälle
Generell Leistungsfähigkeit und Konzentration sinken

Was Merz also faktisch vorschlägt: Mehr Herzinfarkte, mehr Burnout, mehr Unfälle, mehr Fehler.

Das „Flexibility Paradox“

Aber was ist mit „flexibleren“ Arbeitszeiten, wie Merz sie fordert? Auch hier warnt die Forschung.

Das Flexibility Paradox

Nominell flexible Arbeitszeiten führen in der Praxis oft zu:

  • Längeren Arbeitszeiten (nicht kürzeren)
  • Verwischung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit
  • Mehr gesundheitlichen Problemen

„Flexibilisierung“ klingt nach Freiheit. In der Realität bedeutet sie oft: immer erreichbar, nie wirklich frei.


Die Vier-Tage-Woche funktioniert

Merz nennt die Vier-Tage-Woche eine Gefahr für den Wohlstand. Die Daten sagen: Sie funktioniert.

Das deutsche Pilotprojekt 2024 mit 41 Unternehmen zeigte:

  • Reduzierte Arbeitszeit bei gleichem Lohn
  • Wohlbefinden der Beschäftigten stieg
  • Produktivität und Geschäftszahlen blieben stabil

Wie kann das sein? Weniger Arbeit, gleiche Leistung?

Die Unternehmen optimierten Meetings, reduzierten Ablenkungen, verbesserten Prozesse. Sie erreichten in weniger Zeit dasselbe – oder mehr.

Die Vier-Tage-Woche ist kein Luxus. Sie ist ein Produktivitätswerkzeug.

Internationale Studien bestätigen: bessere Gesundheitsindikatoren, weniger Krankmeldungen, stabile oder bessere Umsätze.


Was Krankheit die Wirtschaft kostet

Wenn sich Merz um den Wohlstand sorgt, sollte er sich diese Zahlen ansehen:

Posten 2024 Kosten
Produktionsausfälle durch Krankheit 134 Milliarden Euro
Ausfall an Bruttowertschöpfung 227 Milliarden Euro
Gesamtkosten (inkl. Lohnfortzahlung) über 200 Milliarden Euro

Präsentismus kostet mehr als Krankmeldungen

Hier wird es interessant: Menschen, die krank zur Arbeit gehen, kosten mehr als Menschen, die sich krankmelden.

  • Kosten durch Präsentismus: etwa 2.400 Euro pro Mitarbeiter und Jahr
  • Produktivitätsverluste insgesamt: rund 14 Prozent
  • Bei psychischen Erkrankungen: 71 Prozent der Kosten entstehen durch Präsentismus

Die Logik von „mehr Arbeit = mehr Wohlstand“ ignoriert, dass kranke Menschen, die sich zur Arbeit schleppen, weniger leisten, mehr Fehler machen und andere anstecken.


Was wirklich helfen würde

Wenn es Merz tatsächlich um Produktivität und Wohlstand ginge, müsste er andere Hebel ansetzen:

  1. Unfreiwillige Teilzeit reduzieren – Viele Menschen wollen mehr arbeiten, finden aber keine entsprechenden Stellen

  2. Strukturelle Hindernisse für Frauen abbauen – Bessere Kinderbetreuung, weniger Pay Gap, echte Vereinbarkeit

  3. Ältere Beschäftigte einbinden – Wissen nutzen statt Menschen mit 55 aussortieren

  4. Qualifizierung stärken – Produktivität durch Kompetenz steigern

  5. Arbeitsbedingungen verbessern – Weniger Krankheit = mehr tatsächliche Arbeitsleistung

Was nicht auf der Liste steht: Generelle Verlängerung der Arbeitszeiten für Vollzeitkräfte, die bereits am Limit sind.


Worum es wirklich geht

Friedrich Merz erzählt eine Geschichte, in der die arbeitende Bevölkerung das Problem ist. Zu faul. Zu anspruchsvoll. Zu weich.

Die Daten erzählen eine andere Geschichte: Menschen, die trotz steigender Belastung funktionieren. Die krank werden, weil die Bedingungen krank machen. Die sich Erholung verdient haben – und sie brauchen, um produktiv zu sein.

Merz’ Vorschläge würden das Problem verschärfen:

  • Längere Arbeitszeiten → mehr psychische Erkrankungen
  • Mehr Entgrenzung → mehr Burnout
  • Weniger Schutz → mehr Unfälle und Fehler
  • Höhere Belastung → noch höhere Krankenstände

Das ist keine Wirtschaftspolitik. Das ist ein Angriff auf die Gesundheit von Millionen Menschen – verpackt in die Sprache der Leistungsbereitschaft.


Die Alternative

Es gibt einen anderen Weg. Einen, der sowohl der Wirtschaft als auch den Menschen dient:

Arbeit, die nicht krank macht. Arbeitszeiten, die Konzentration ermöglichen statt zerstören. Bedingungen, die Menschen gesund und produktiv halten.

Respekt statt Diffamierung. Anerkennung für Menschen, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten – statt Vorwürfe von Politikern, die nie am Band standen.

Faktenbasierte Politik. Entscheidungen auf Grundlage dessen, was die Forschung zeigt – nicht auf Grundlage von Vorurteilen über „faule Deutsche“.

Die Frage ist nicht, ob Deutsche genug arbeiten. Die Frage ist, ob wir eine Politik akzeptieren, die Arbeitende für systemische Probleme verantwortlich macht.

Die Antwort sollte Nein sein. Punkt.


Quellen

Merz-Aussagen:

Krankenstände:

Wissenschaft Arbeitszeit:

Vier-Tage-Woche:

Präsentismus:

Blaumacher-Mythos:

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