02.04.2026/Essay

Die bessere FDP: Warum die Grünen das liberale Erbe antreten

Franziska Brantner und Belit Onay haben in der FAZ einen „Neuen Liberalismus“ gefordert. Was sie nicht erzählt haben: Die Geschichte gibt ihnen recht – seit 1971.


Am 30. März 2026 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Text, der in jeder anderen Zeit unauffällig geblieben wäre. Franziska Brantner, Parteivorsitzende der Grünen, und Belit Onay, Oberbürgermeister von Hannover, schrieben: Die liberale Idee brauche eine Neuformulierung. Freiheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit – zusammen, nicht gegeneinander. Und: Das sei die Aufgabe der Grünen.

Ein solcher Satz, vor fünf Jahren, wäre als Anmaßung abgetan worden. Heute wirkt er fast selbstverständlich. Denn die Partei, die sich seit Jahrzehnten das Monopol auf den Liberalismus zuschrieb, sitzt nicht mehr im Bundestag. Die FDP steht bei 4 Prozent. Ihr letzter Vorsitzender hat sie an die Wand gefahren, indem er Freiheit mit Steuersenkungen verwechselte und Eigenverantwortung mit Gleichgültigkeit.

Was Brantner und Onay nicht geschrieben haben – vielleicht bewusst nicht, weil die FAZ nicht der Ort für Parteigeschichte ist: Die Grünen beanspruchen kein fremdes Erbe. Sie kommen zurück zu etwas, das einmal ihr eigenes war.

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Freiburg, 27. Oktober 1971

An diesem Tag beschloss die FDP auf ihrem Bundesparteitag die „Freiburger Thesen“. Es war das mutigste Grundsatzpapier, das je eine liberale Partei in Deutschland verabschiedet hat. Geschrieben hatte es vor allem Karl-Hermann Flach, der Generalsekretär. Ein Mann, der mit 44 Jahren sterben würde und dessen Ideen mit ihm begraben wurden.

Die Freiburger Thesen forderten:

  • „Umweltschutz hat Vorrang vor Gewinnstreben und persönlichem Nutzen.“
  • Eine „Reform des Kapitalismus“ – nicht seine Abschaffung, aber klare Regeln und Grenzen.
  • Demokratisierung der Gesellschaft, auch der Betriebe: „Der Betrieb sind wir alle; der Betrieb darf nicht alles.“
  • Freiheit nicht nur als Recht auf dem Papier, sondern als „soziale Chance in der alltäglichen Wirklichkeit“.

Flach schrieb dazu in seinem Buch „Noch eine Chance für die Liberalen“: Liberalismus bedeute Chancen für alle, nicht Privilegien für wenige. Eigentum sei kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Mehrung menschlicher Freiheit.

Das war 1971. Neun Jahre bevor es die Grünen überhaupt gab.

Das Scheidungspapier

Elf Jahre später, am 9. September 1982, legte Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff ein Papier vor, das als „Scheidungspapier“ in die Geschichte einging. Offizieller Titel: „Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.“

In Wahrheit war es das Gegenteil der Freiburger Thesen:

Freiburger Thesen 1971 Lambsdorff-Papier 1982
Umweltschutz vor Gewinnstreben Investitionshemmnisse abbauen
Reform des Kapitalismus Deregulierung und Privatisierung
Soziale Teilhaberechte Abbau sozialer Leistungen
Demokratisierung der Betriebe Stärkung der Unternehmerfreiheit

Die FDP wechselte den Koalitionspartner – von Schmidt zu Kohl – und gleichzeitig ihre Seele. Aus der Partei, die Umweltschutz über Profitstreben stellte, wurde die Partei, die den Markt über alles stellte.

Die sozialliberalen Köpfe verließen die FDP: Günter Verheugen ging zur SPD, wurde später EU-Kommissar. Ingrid Matthäus-Maier, Andreas von Schoeler – alle weg. Die Jungdemokraten, der FDP-Jugendverband, trennten sich im November 1982 in Bochum von der Mutterpartei.

Die SPD nahm die Köpfe auf, aber nicht deren Ideen. Die Sozialdemokratie denkt von Arbeit und Verteilung her – faire Löhne, Tarifbindung, Sozialstaat. Das ist wichtig. Aber es ist nicht dasselbe wie ein Freiheitsbegriff, der den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stellt und fragt: Was braucht es, damit jeder sein Leben selbst gestalten kann?

Was in der FDP nicht mehr Platz hatte – Umwelt, soziale Gerechtigkeit, Demokratisierung – fand deshalb sein eigentliches Zuhause nicht bei der SPD. Sondern bei einer Partei, die sich 1980 in Karlsruhe gegründet hatte und genau diese Lücke füllte: den Grünen.

Der Verrat am eigenen Erbe

Was dann folgte, ist die Geschichte einer Partei, die sich Stück für Stück selbst ausgehöhlt hat.

1977 leiteten die „Kieler Thesen“ den marktliberalen Schwenk ein. 1982 besiegelte Lambsdorff ihn. 2012 versuchten die „Karlsruher Freiheitsthesen" eine Neudefinition – aber die Partei hatte längst vergessen, was Freiheit jenseits von Steuersätzen bedeutet.

Unter Christian Lindner wurde die FDP zu dem, was Brantner und Onay in ihrem FAZ-Text als „Fetisch der Schuldenbremse“ bezeichnen. Freiheit bedeutete: weniger Staat. Nicht: mehr Chancen. Eigenverantwortung bedeutete: Du bist auf dich gestellt. Nicht: Wir schaffen die Bedingungen, unter denen du frei sein kannst.

Die Wahlergebnisse erzählen den Rest: 14,6 Prozent im Jahr 2009, als die FDP einmal Regierungsverantwortung trug und nichts daraus machte. 4,8 Prozent 2013 – raus aus dem Bundestag. 10,7 Prozent 2017 – Lindners Comeback, das in der Ampel endete. 4,3 Prozent 2025 – das schlechteste Ergebnis der Parteigeschichte.

Karl-Hermann Flach hätte diese Partei nicht wiedererkannt.

Was Brantner und Onay eigentlich sagen

Liest man den FAZ-Gastbeitrag mit dem Wissen um diese Geschichte, wird er schärfer. Brantner und Onay schreiben nicht einfach ein Parteiprogramm. Sie stellen eine These auf, die größer ist als jede Partei: Die liberale Tradition gehört nicht der FDP – sie gehört denen, die sie leben.

Ihre Kernbegriffe:

„Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergien.“ Das ist kein grüner Slogan – das ist die Freiburger These von 1971, aktualisiert für 2026. Wer von fossilen Importen abhängt, ist nicht frei. Das wusste Flach, das zeigt der Iran-Krieg heute jeden Tag.

„Gartenschere statt Kettensäge.“ Ein effektiver Staat, der Raum schafft, statt ein abwesender Staat, der Chaos hinterlässt. Das ist das Gegenteil von Musk, Milei, Lindner – aber es ist auch das Gegenteil von Überregulierung. Genau das meinten die Freiburger Thesen mit „aufgeklärter Gesellschaftsordnung“: Ein Staat, der ermöglicht statt verhindert.

„Positive Freiheit – Freiheit für etwas.“ Nicht nur Freiheit von Steuern, von Regulierung, von Verantwortung. Sondern: Freiheit, ein gutes Leben zu führen. Bildung, Gesundheit, Chancen – als Voraussetzung für echte Freiheit, nicht als deren Einschränkung.

Warum ich das persönlich kenne

Ich war in der Jungen Union. Als Jugendlicher. Weil mir jemand gesagt hat, wer Wirtschaft versteht und Eigenverantwortung wichtig findet, gehört zur Union. Ich bin ausgetreten, weil ich gemerkt habe, dass „Eigenverantwortung“ in der Praxis bedeutete: Wer es nicht schafft, ist selbst schuld.

Heute bin ich Unternehmer und Grünen-Mitglied. Nicht obwohl, sondern weil ich an Freiheit glaube. An echte Freiheit. Die, bei der eine Pflegekraft nicht mehr Angst vor der Arztrechnung hat als ein Vorstandsvorsitzender. Die, bei der ein Kind aus Marzahn dieselben Chancen hat wie eins aus Dahlem. Die, bei der Unternehmer nicht an Bürokratie scheitern, aber auch nicht an mangelnder Infrastruktur.

Das ist kein linkes Projekt. Das ist ein liberales. Die FDP hat es aufgegeben. Jemand muss es weitertragen.

Das vergessene Erbe: Bündnis 90

Wer über die liberalen Wurzeln der Grünen spricht und nur nach Westen schaut, erzählt die halbe Geschichte.

Im Herbst 1989 gründeten Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler in der DDR das Neue Forum, Demokratie Jetzt und die Initiative Frieden und Menschenrechte. Was sie forderten, war im Kern das, wofür Liberalismus einmal stand: Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, freie Wahlen, das Recht auf Selbstbestimmung. Es war – in der reinsten Form, die Deutschland je gesehen hat – eine Freiheitsrevolution.

1991 schlossen sich diese Gruppen zu Bündnis 90 zusammen. 1993 fusionierten sie mit den westdeutschen Grünen. Seitdem heißt die Partei offiziell Bündnis 90/Die Grünen. Und seitdem trägt sie zwei liberale Erblinien in sich:

Aus dem Westen: die Freiburger Thesen – Umweltschutz, soziale Teilhabe, Reform des Kapitalismus. Aus dem Osten: die Bürgerrechtsbewegung – Freiheit, Demokratie, Selbstbestimmung gegen einen Staat, der beides unterdrückte.

Das ist kein Zufall und kein bürokratischer Zusammenschluss. Es ist ein gemeinsames Fundament: Freiheit braucht Bedingungen. Sie fällt nicht vom Himmel, und sie entsteht nicht durch Abwesenheit des Staates. Sie entsteht, wenn Menschen die Macht haben, ihr Leben selbst zu gestalten – wirtschaftlich, politisch, ökologisch.

Gerade jetzt, wo in diesem Jahr zwei Landtagswahlen im Osten anstehen, wäre es an der Zeit, dieses Erbe nicht nur im Parteinamen zu tragen, sondern es offensiv zu erzählen. Die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler von 1989 haben nicht für niedrigere Steuern gekämpft. Sie haben für Freiheit gekämpft. Echte Freiheit. Die Art, für die Brantner und Onay jetzt den Begriff „Neuer Liberalismus“ vorschlagen.

Die FDP hat die Freiburger Thesen verraten. Bündnis 90 hat die Freiheitsrevolution gelebt. Beides zusammen ergibt ein Erbe, das stärker ist als alles, was die FDP heute noch anzubieten hat.

Der Neue Gesellschaftsvertrag

Was Brantner und Onay in der FAZ beschreiben, ist im Grunde das, was ich bei Mehrheit Machen den „Neuen Gesellschaftsvertrag“ nenne: Modernisierung und Fairness als Paket, nicht als Menü.

Fünf Säulen, die kein politisches Lager allein besetzt:

  1. Steuern, die Arbeit entlasten und Vermögen fair beteiligen
  2. Rente, die auf einem öffentlich verwalteten Fonds basiert – statt darauf zu hoffen, dass es immer genug junge Menschen gibt, die einzahlen
  3. Gesundheit – ein System für alle, nicht zwei Klassen
  4. Staat, der digital funktioniert und nicht blockiert
  5. Europa, das sich selbst verteidigen und selbst versorgen kann

Das ist nicht links. Das ist nicht rechts. Das ist die Frage, die die Freiburger Thesen 1971 gestellt haben: Wie organisieren wir eine Gesellschaft, in der Freiheit real ist – nicht nur auf dem Papier?

Die FDP hat diese Frage 1982 fallengelassen. Lindner hat sie 2025 endgültig begraben. Brantner und Onay heben sie auf.

Die Frage ist nicht, ob die Grünen das liberale Erbe antreten können. Die Frage ist, ob sie den Mut haben, es laut zu sagen.


Quellen

  • FAZ Gastbeitrag Brantner/Onay (30.03.2026)
  • FDP Freiburger Thesen (27.10.1971, Original via freiheit.org)
  • Karl-Hermann Flach: „Noch eine Chance für die Liberalen“ (1971)
  • Lambsdorff-Papier (09.09.1982, via 1000dokumente.de)
  • Wahlergebnisse FDP: Bundeswahlleiter*

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