Nicht wenige Medien fragen dieser Tage: „Was, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt gewinnt?“ Für mich ist die viel spannendere Frage: „Was, wenn die AfD nicht gewinnt?“ Damit meine ich, wenn sie die absolute Mehrheit verpasst. Diese Frage wird selten gestellt, denn das Ergebnis regiert bereits. Eine Woche vor der Wahl in Sachsen-Anhalt gilt das Verhindern eines Ministerpräsidenten Siegmund als Erfolg. Was danach kommt, ist Stand heute kaum eine Schlagzeile wert.
Der Verlierer steht heute schon fest, nämlich die Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben, egal ob sie nun AfD gewählt haben oder nicht. Die AfD wird das Wahlergebnis am 6. September als Gewinn verbuchen, ob sie nun 42 oder 38 Prozent holt. Ein Land, das eine Nazi-Diktatur hinter sich hat, in dem vier von zehn Wählerinnen und Wählern einer Partei ihre Stimme geben, deren Landesverband der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem einstuft, hat verloren, bevor ausgezählt ist. 2021 lag die AfD in Sachsen-Anhalt bei 20,8 Prozent. In nur fünf Jahren hat sie sich verdoppelt.
Die Rechnung
Nehmen wir an, die AfD verpasst nun die absolute Mehrheit. Die Schwierigkeit der demokratischen Kräfte wird dann sein, eine Koalition zu bilden. CDU und SPD haben laut aktuellen Umfragen von Infratest dimap zusammen keine Mehrheit. CDU, SPD und Grüne auch nicht. Ohne die AfD geht es nur mit der Linken.
Das Gutachten sagt: Es würde gehen. Und dann?
Ein neues Gutachten der Gesellschaft für Freiheitsrechte hält ein AfD-Verbot erstmals für aussichtsreich. Bevor wir jubeln oder verzweifeln, lohnt der Blick auf die Fragen, die danach kommen: Wie lange dauert es, was passiert konkret, und was wird aus den über zehn Millionen Menschen, die diese Partei wählen?
→ WeiterlesenObwohl Sven Schulze, der aktuelle Ministerpräsident, das weiß, sagt er trotzdem: „Ich werde mich niemals abhängig machen von irgendjemandem.“ Als er im Juli bei Markus Lanz zu Gast war, hat er angedeutet, wie das Resultat aussähe: „... dann wird es wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum erst mal keine Wahl des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt geben“.
Es wird auf eine Minderheitsregierung hinauslaufen. Die steht vor doppelten Herausforderungen, weil sie nicht nur die eigenen Partner zusammenhalten, sondern sich für jeden Haushalt und jedes Gesetz Mehrheiten bei anderen suchen muss. Und die anderen Kräfte werden nicht immer nach Verantwortung handeln, sondern auch nach Kalkül und Taktik. Sachsen macht das seit 2024 vor. Es funktioniert, es ist nur langsam.
Wenn die CDU die Linke braucht, ist das weder ein Tabubruch noch eine Normalisierung. Aus Sicht eines CDU-Wählers ist es ein notwendiges Übel. Aus Sicht der arbeitenden Bevölkerung ist es ein positives Zeichen, weil auch die CDU sich dann mehr mit sozialer Sicherung beschäftigen muss. 59 Prozent der Befragten finden eine von der Linken gestützte CDU-Regierung weniger gut oder schlecht. Ich finde, sie sollten sie an dem messen, was sie liefert, nicht an dem, wie sie zustande kommt.
Ich bin Mitglied der Grünen, das gehört hierher. Die liegen in derselben Umfrage bei sechs Prozent und im Aufwind. Jeder Sitz, der nicht an die AfD geht, macht eine Mehrheit ohne sie wahrscheinlicher. Mehr ist dazu in diesem Text nicht zu sagen.
Die 40 Prozent
Diese Menschen verschwinden nicht einfach, nur weil die AfD nicht den Ministerpräsidenten stellt.
Wenn man ehrlich ist, sind unter ihnen viele, die sich die Frage nicht stellen, was eine AfD-geführte Regierung auf lange Sicht bedeuten würde, für das Land und für sie persönlich. Und es sind viele, die sich abgehängt fühlen, weil sie abgehängt sind. Weil die demokratischen Parteien sich zu lange nicht um ihre Belange gekümmert haben. Weil seit der Wende ganze Gegenden ignoriert worden sind. Wer ignoriert wird, wird wütend, verbittert, trotzig. Der Vorschlaghammer, der endlich tabula rasa macht, ist nicht mein Bild. Es ist der Wunsch von Wählerinnen und Wählern, die die AfD als letzten Ausweg begreifen.
Was schuldet eine demokratische Regierung diesen Menschen? Handfeste Beweise, dass sie nicht mehr ignoriert werden. Damit meine ich keine verschärfte Migrationspolitik. Ich meine Bildung. Sichere Arbeitsplätze. Gemeinschaftsräume. Präsenz in Orten, in denen jahrelang niemand war. Zuhören, und danach Taten.
Den einen Satz, den man einem AfD-Wähler sagen könnte, gibt es nicht. Es wären eher Fragen: Was wünschst du dir für dich? Und was wünschst du dir für deine Mitmenschen? Ich habe im August in Merseburg mit Menschen über die Abwanderung junger Frauen gesprochen. Auf 100 Frauen zwischen 18 und 29 kommen in Sachsen-Anhalt 117 Männer. In der Realität ist das ein Dorf, in dem die Jugendfeuerwehr keine Nachfolge findet. Wer das versteht, versteht auch die Wut und die Verzweiflung.
Was eine schwache Regierung anrichtet
Wir alle sehen seit Jahren mit Schmerzen, wie anstrengend und wenig innovativ instabile Koalitionen sind. Wenig richtungsweisende Kompromisse sind die Regel. Die Regierung Haseloff und Schulze hat fünf Jahre lang zu wenig geliefert, das die Menschen überzeugt hätte, sie wiederzuwählen. Und sie war in Geiselhaft einer Bundesregierung, die seit Jahren im Krisenmodus arbeitet.
Eine schwache Regierung führt zu mehr Unmut, und der Unmut sucht sich ein Ventil. Dann plappern selbst gemäßigte Menschen rechte Narrative nach, und immer mehr lassen die Masken fallen, weil es plötzlich geht. Das ist keine Eigenschaft der Menschen in Sachsen-Anhalt. Das ist die Wirkung von Politik, die nicht liefert.
Am stärksten verliert dabei die SPD im Bund. Sie trägt pflichtbewusst Verantwortung und trägt gleichzeitig das S in ihrem Namen zu Grabe. Was ihr fehlt, ist Mut. Mut zur eigenen Identität, zum eigenen Profil, und die Kraft, dieses Profil dann auch zu vertreten. Was in Berlin an Verdruss entsteht, wird in Magdeburg abgerechnet.
Was Liefern heißt
Was wäre, wenn Demokratinnen und Demokraten aufwachten und handfeste Ergebnisse statt Symbolpolitik lieferten? Machen wir es mal konkret, damit man es 2028 nachprüfen kann.
Erstens Arbeit. Schulze müsste aktiv gegen Arbeitslosigkeit vorgehen und neue Industrien ansiedeln. Die Intel-Fläche bei Magdeburg hat das Land im Mai zurückgekauft. Ob dort ein Chipwerk entsteht, ist nicht entschieden. Bis 2028 muss dort etwas stehen, das Leute einstellt.
Zweitens Bildung. Messbare Angebote in den Schulen sollten ausgeweitet werden, vor allem Unterstützung für Vereine, die Demokratieförderung und Demokratieunterricht in die Schulen bringen. Diese Themen dürfen nicht in einer Projektwoche behandelt und dann wieder vergessen werden. Sie sind aktueller denn je und gehören auf den Stundenplan als Fach.
Drittens Landwirtschaft. Sachsen-Anhalt hat mit die besten Ackerböden Deutschlands und drei schwere Dürrejahre seit 2018 hinter sich. Das Jahr 2025 war ein Rekord. Die Landwirtschaft bindet in diesem Land viel Frust und viel Protest. Wer auf die veränderten klimatischen Bedingungen mit konkreten Maßnahmen antwortet, kann einige Gräben zuschütten. Im Kern muss die regierende Partei gleiche oder zumindest mal ähnliche Voraussetzungen in Freihandelsabkommen schaffen, ob bei der Viehzucht oder bei der Düngung und Behandlung von Gewächsen. Ein deutscher Landwirt kann im Biolandbau nicht mit einem brasilianischen Landwirt konkurrieren.
Gegen die AfD regieren
Ich höre, lese und sehe immer wieder, man solle die AfD nicht inhaltlich stellen, sondern mit Tatkraft ihre Popularität schmälern. Ich habe vierzehn Folgen lang das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt vorgelesen. Das ist inhaltliches Stellen, und ich bereue keine davon. Der Content kommt auch auf die Timelines von AfD-Wählenden, weil ich argumentiere und niemanden angehe. Was ich gelernt habe: Trotzdem bilden sich Trotzmeinungen, weil Menschen an etwas glauben, und Glauben bricht man nicht mit einer Statistik.
Gegen die AfD zu regieren heißt deshalb, zu liefern, und zwar nicht in den Punkten, die die AfD besetzen will. Eine CDU-geführte Regierung ist nicht gut beraten, Regenbogenfahnen abzuhängen und aus dem Klimaschutz auszusteigen. Sie sollte die Themen umsetzen, die messbar bei den Menschen ankommen. Wer der AfD nachläuft, verliert, und das ist wissenschaftlich belegt. Krause, Cohen und Abou-Chadi haben 2023 rund 350 solcher Anpassungsstrategien in über 100 Wahlen in zwölf westeuropäischen Ländern seit 1976 untersucht: Wenn Parteien der Mitte die Positionen der radikalen Rechten übernehmen, gewinnt die radikale Rechte Wähler dazu. Im besten Fall bringt Anpassung nichts, im schlechtesten Fall stärkt sie den Gegner. Es wäre Zeit, dass sich vor allem die CDU mal mit diesen Erkenntnissen beschäftigt.
September 2031
Was, wenn das der Zenit des Erfolgs der AfD war? Darin steckt die Annahme, dass viele Menschen in der Erleichterung, nur knapp an einer rechtsextremen Regierung vorbeigeschrammt zu sein, sich endlich zusammenreißen. Ich glaube daran, weil ich die Alternative nicht aushalte bzw. nicht aushalten will.
Die Zukunft Sachsen-Anhalts, wenn es gut gelaufen ist, zeigt sich nicht in Magdeburg oder Halle. Sie zeigt sich auf dem Land. Wenn es gut gelaufen ist, finden dort regelmäßig Veranstaltungen statt, die Menschen zusammenbringen. Wenn es gut gelaufen ist, reden Familien wieder miteinander. Wenn es gut gelaufen ist, blicken Menschen mit Zuversicht nach vorn, weil neue Jobs da sind, oder weil sie verstanden haben, dass die Fachkraft aus dem Ausland die Praxis im Ort offen hält, und weil sie es an einem eigenen Beispiel gesehen haben.
Gar nicht auszudenken, was passierte, sprängen so viele Menschen links wie rechts der Mitte über ihren Schatten und suchten das Gespräch miteinander.
Quellen
- Infratest dimap für ARD: Sachsen-AnhaltTREND, 24.–25.08.2026, 1.511 Wahlberechtigte (Sonntagsfrage; Bewertung einer von der Linken gestützten CDU-Regierung: 32 % gut, 59 % weniger gut oder schlecht)
- dpa: Sven Schulze, „Ich werde mich niemals abhängig machen von irgendjemandem“, Halle, 28.08.2026
- ZDF, Markus Lanz: Sven Schulze zur Ministerpräsidentenwahl, Juli 2026
- Krause, Cohen & Abou-Chadi: Does accommodation work? Mainstream party strategies and the success of radical right parties, Political Science Research and Methods 11(1), 2023 (rund 350 Strategien, über 100 Wahlen, zwölf westeuropäische Länder, 1976–2017)
- Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Geschlechterverhältnis 18- bis 29-Jährige, 117 Männer je 100 Frauen, Stichtag September 2025
- Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ): Dürremonitor, Jahresrückblick 2025 (Rekordintensitäten der Bodendürre)
- Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt: Landtagswahl 2021 (AfD 20,8 %, CDU 37,1 %)