Diesel kostet aktuell rund 2,25 bis 2,30 Euro. Gut 50 bis 60 Cent mehr als während der Bauernproteste. Auf dem Niveau des Allzeithochs aus der Gaskrise 2022. Fast so hoch wie nie zuvor.
Und weit und breit sieht man keine Traktoren auf der Autobahn.
Die naheliegende Schlussfolgerung kursiert seit Tagen in den Kommentarspalten: Die Proteste von 2024 waren gar nicht wegen der geplanten Abschaffung der Agrardiesel-Rückvergütung. Die waren politisch. Rechts. Gegen die Ampel. Jetzt, da eine Regierung regiert, die den Bauern passt, ist plötzlich Ruhe.
Wer spart, steigt auf
Fünf Tage hat die Regierung gebraucht, um nach dem Spahn-Rücktritt ihr Personalpaket zu schnüren. Die Pflegereform derselben Regierung wartet seit Monaten auf einen Kabinettstermin. Was die Rochade über die Prioritäten von Friedrich Merz verrät – und was sie für alle bedeutet, die gerade die Pflege ihrer Eltern organisieren.
→ WeiterlesenEs wäre schön, wenn es so einfach wäre.
Was 2024 wirklich passiert ist
Im Januar 2024 rollten Tausende Traktoren durch deutsche Innenstädte. Der Auslöser: Die Ampel-Regierung hatte im Rahmen der Haushaltskrise beschlossen, die Agrardiesel-Rückvergütung von 21,48 Cent pro Liter schrittweise abzuschaffen. 430 Millionen Euro Einsparung. Für einen 100-Hektar-Betrieb bedeutete das rund 2.500 Euro weniger im Jahr.
2.500 Euro. Das klingt nach wenig. Es war trotzdem der Tropfen, der das Fass der Bauern zum Überlaufen brachte.
Denn bei den Protesten ging es nie nur um Diesel. Zwei Drittel der Bevölkerung – 67 Prozent – zeigten in einer repräsentativen Umfrage Verständnis für die Bauern. Nicht weil sie die Subvention für den wichtigsten Politikposten hielten, sondern weil die Landwirte etwas aussprachen, was viele fühlten: Wir werden nicht gehört. Wir werden reguliert, aber nicht unterstützt. Und irgendwann ist das Fass voll.
Ja, es gab rechtsextreme Symbole. Galgen mit „Ampel“-Schildern. Landvolk-Flaggen. Die AfD versuchte, sich an die Spitze dieser Bauernbewegung zu setzen. Organisationen wie die „Freien Sachsen“ marschierten mit. Das ISD Germany dokumentierte rechte Narrative in Teilen der Proteste.
Aber Studien u. a. der Universitäten Heidelberg, Marburg und Göttingen zeigen: Die Proteste kamen mehrheitlich aus der Mitte. Wirtschaftliche Motive dominierten. Der Deutsche Bauernverband distanzierte sich explizit von Rechtsextremen und „Umsturzphantasien“. Die Agrarsoziologin Janna Luisa Pieper spricht von einem Rechtsruck als Randphänomen – nicht als Mehrheit.
Wer 2024 auf die Rechtsextremen am Rand schaut und daraus schließt, dass die ganze Bewegung rechts war, macht denselben Fehler wie jemand, der eine Demonstration gegen Mietenwahnsinn als linksextrem abtut, weil am Rand Autonome mitlaufen.
Warum 2026 niemand auf die Straße geht
Rund 50 bis 60 Cent mehr pro Liter als während der Bauernproteste. Durch den Iran-Krieg ist die Straße von Hormus massiv beeinträchtigt – die Meerenge, durch die ein Fünftel des globalen Ölhandels läuft. Der Brent-Ölpreis ist von 72 auf zeitweise rund 120 Dollar geschossen. Für einen 100-Hektar-Betrieb können das je nach Bewirtschaftung Mehrkosten von 8.000 bis 9.600 Euro pro Jahr bedeuten. Das Dreifache der Agrardiesel-Subvention, um die 2024 gestritten wurde.
Und trotzdem: Stille. Warum?
Erstens: Der politische Gegner fehlt. 2024 gab es eine Regierung, die eine konkrete Entscheidung getroffen hatte. Man konnte vor das Kanzleramt fahren und sagen: Ihr habt das beschlossen. Nehmt es zurück. 2026 gibt es keinen Beschluss. Es gibt einen Krieg am Persischen Golf, den niemand in Berlin zu verantworten hat.
Zweitens: Die Subvention ist zurück. Die schwarz-rote Koalition hat 2025 beschlossen, die Agrardiesel-Rückvergütung ab 2026 wieder in vollem Umfang einzuführen. Der symbolische Kampf von 2024 ist gewonnen.
Drittens: Die Bauern protestieren sehr wohl – nur anders. DBV-Präsident Rukwied fordert die „sofortige und temporäre Aussetzung der Energiesteuer auf Diesel“. Die Bauernverbände sitzen in einer Regierungs-Taskforce zu Energiepreisen. Das ist effektiver als Traktoren auf der A2 – aber unsichtbar.
Wer also fragt „Wo sind die Bauern?“ und damit meint „Die waren doch nur rechts“ – der macht es sich zu einfach. In beide Richtungen.
Die eigentliche Frage
Denn die Wahrheit ist unbequemer als jede Kommentarspalte es zulässt.
Ob Diesel 1,50 Euro kostet oder 2,30 Euro. Ob die Subvention kommt oder geht. Das alles ändert nichts am eigentlichen Problem.
In den letzten 20 Jahren sind 40 Prozent aller Bauernhöfe in Deutschland verschwunden. 2003 gab es noch 412.000 Betriebe. Heute sind es rund 255.000. Die landwirtschaftliche Fläche ist gleich geblieben – 16,7 Millionen Hektar. Aber sie verteilt sich auf immer weniger Hände.
Ein durchschnittlicher Landwirt verdient 46.800 Euro brutto im Jahr. 18 Prozent weniger als im Vorjahr.
Von jedem Euro, den Verbraucher für Lebensmittel ausgeben, kommen beim Bauern 23 Cent an. Bei Brot sind es 4 Cent. Vier.
Vier Handelskonzerne – Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe und Aldi – kontrollieren rund 85 Prozent des deutschen Lebensmittelmarktes. Sie diktieren die Einkaufspreise. Die Monopolkommission nennt es „zu große Marktmacht“. Passiert ist: nichts.
„Die Produktion in Deutschland wird kaputt gemacht“
Im Februar 2026 sprach ich mit drei Landwirten der Freien Bauern.* Ein Obstbauer aus Franken. Ein Ackerbauer aus Oberbayern. Ein Milchbauer. Alle parteilos. Keiner links, keiner rechts. Einfach frustriert. Von allen Seiten.
Einer von ihnen schrieb mir, nachdem mein TikTok-Video über das Mercosur-Abkommen in einer Landwirte-WhatsApp-Gruppe geteilt worden war. Was er beschreibt, ist kein Diesel-Problem:
„Die deutschen Standards sind astronomisch hoch, während die Bedingungen bereits innerhalb der EU vollkommen davon abweichen. Die Produktion in Deutschland wird erschwert und damit kaputt gemacht, während die Importe zunehmen.“
Im Gespräch wurde es noch deutlicher:
Pflanzenschutzmittel, die in der EU verboten sind, werden von EU-Firmen – BASF, Bayer, Syngenta – nach Südamerika exportiert. Die damit behandelten Produkte kommen als Importe zurück in die EU. Legal, solange die Rückstände unter dem Grenzwert liegen. Die Pestizide in der EU herstellen, nach Brasilien exportieren, die Ernte re-importieren. Ein Kreislauf, bei dem alle verdienen – außer dem deutschen Bauern, der diese Mittel nicht verwenden darf.
Eier aus der Ukraine: Käfighaltung ist EU-weit verboten. Viele deutsche Betriebe haben deshalb aufgegeben. Jetzt importiert die EU riesige Mengen Eier aus der Ukraine – überwiegend aus Käfighaltung.
Im Hamburger Land ist Apfelernte – und fast zeitgleich liegt ein Importschiff im Hafen. Mit Äpfeln aus Übersee, produziert unter Standards, die hier illegal wären. Zu Preisen, die kein deutscher Obstbauer halten kann.
Die dreifache Falle
Was die Landwirte beschreiben, ist keine Agrarpolitik. Es ist eine dreifache Falle.
Falle eins: Regulierung nach oben, Wettbewerb nach unten. Deutsche Landwirte müssen die höchsten Umwelt-, Tierschutz- und Dokumentationsstandards der Welt einhalten. Berufsgenossenschaft, TÜV, Sachkundenachweise, Abstandsflächen, Gülle-Ausbringvorschriften. Das alles kostet Geld und Zeit. Gleichzeitig konkurrieren sie auf einem offenen Markt mit Produzenten, die einen Bruchteil dieser Auflagen haben. Freihandel mit ungleichen Regeln ist kein freier Handel. Es ist ein Wettbewerbsnachteil per Gesetz.
Falle zwei: Die Handelskonzerne. Vier Konzerne kontrollieren, was der Bauer bekommt. Und was er bekommt, reicht immer weniger. Steigende Verbraucherpreise kommen nicht bei den Erzeugern an – sie bleiben in der Handelsmarge hängen. Frankreich hat mit dem EGalim-Gesetz versucht, dagegen vorzugehen: Mindestmargen für Erzeuger, Kostentransparenz, Strafen bis in den sechsstelligen Bereich bei Verstößen. Das Gesetz existiert. Die Umsetzung hinkt. Aber immerhin gibt es eine gesetzliche Grundlage. In Deutschland gibt es keinen vergleichbaren Gesetzgebungsprozess.
Falle drei: Billige Lebensmittel als politisches Programm. Bayerns Landwirtschaftsministerin Kaniber – CSU, die Partei, die traditionell für die Bauern spricht – hat es sinngemäß einmal so formuliert: Deutschland braucht billige Lebensmittel. Das ist der eigentliche Satz. Nicht irgendein Mercosur-Paragraf. Nicht irgendein Pflanzenschutzmittel-Grenzwert. Sondern die politische Entscheidung, dass Essen billig zu sein hat. Und dass die Kosten dafür jemand anderes trägt.
Was sich ändern muss – auf allen Seiten
Es wäre einfach, hier aufzuhören. Die bösen Konzerne, die armen Bauern, die zynische Politik. Aber das wäre genau die Vereinfachung, die weder den Bauern noch den Konsumenten irgendetwas bringt.
Denn die Wahrheit hat auch eine unbequeme Seite für uns Verbraucher.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass Essen billig ist. Deutschland gibt einen der niedrigsten Anteile des Haushaltseinkommens für Lebensmittel aus – rund 11 Prozent, weniger als fast alle europäischen Nachbarn. Wir kaufen Bio, wenn es im Angebot ist, und konventionell, wenn es schnell gehen muss. Wir erwarten, dass Äpfel im März verfügbar sind und Erdbeeren im Dezember. Und wir fragen nicht, was das kostet – nicht in Euro, sondern in Höfen.
Die Lösung liegt nicht in einer einzigen Maßnahme. Sie liegt in einem Umdenken.
Produkte brauchen ein Preisniveau, das ehrlich ist. Eines, das die tatsächlichen Kosten widerspiegelt – inklusive fairer Löhne, hoher Standards und ökologischer Verantwortung. Frankreichs EGalim-Gesetz ist ein Anfang: Erzeugerpreise, die die Produktionskosten decken, gesetzlich abgesichert. Dass die Umsetzung hapert, ist ein Argument für Nachbesserung, nicht gegen das Prinzip.
Konsumenten müssen ihr Konsumverhalten anpassen – oder zumindest bewusster kaufen. Nicht moralisierend, nicht elitär. Sondern mit einem einfachen Verständnis: Wenn ich will, dass es in 20 Jahren noch Bauernhöfe gibt, muss das Essen mehr kosten. Nicht astronomisch mehr. Aber ehrlich mehr.
Der Stellenwert guter Ernährung verdient Aufmerksamkeit. Österreich zeigt, dass 27 Prozent Bio-Anteil möglich sind – wenn Gesellschaft, Politik und Handel es wollen. Dänemark zeigt, dass Klimaschutz und Landwirtschaft zusammengehen – wenn die Steuereinnahmen in den Sektor zurückfließen. Das sind keine Utopien. Das sind Nachbarländer.
Und Freihandelsabkommen müssen an die Bedingung geknüpft werden, dass gleiche Standards gelten. Nicht als Rückstands-Grenzwert im Endprodukt, sondern als Produktionsstandard. Solange BASF hier verbotene Pestizide nach Brasilien exportieren darf und die Ernte re-importiert wird, ist jedes Freihandelsabkommen ein Subventionsprogramm für Konzerne auf Kosten europäischer Bauern.
Die Brücke, die niemand baut
Es gibt einen Satz, den mir einer der Landwirte geschrieben hat, der mir im Gedächtnis geblieben ist:
„Alle wollen irgendwas. Am Ende ist das Ergebnis für uns Landwirte in Deutschland das Gleiche: Wir werden kaputt gemacht.“
Und er hat recht. Die Grünen haben die Landwirtschaft jahrzehntelang primär als Umweltproblem behandelt. Die CDU/CSU hat Freihandelsabkommen durchgewunken, die die bäuerliche Landwirtschaft untergraben. Die SPD hat sich für Verbraucherpreise interessiert, nicht für Erzeugerpreise. Die FDP wollte Deregulierung – die den Großen hilft und die Kleinen frisst.
Es gab keine Partei, die gesagt hat: Wir wollen eine Landwirtschaft, die gleichzeitig fair bezahlt wird, hohe Standards hält und ökologisch verantwortungsvoll arbeitet. Nicht als Sonntagsrede. Als Politik.
Das Ironische: Als im EU-Parlament über eine rechtliche Prüfung des Mercosur-Abkommens abgestimmt wurde, stimmten die Grünen dafür – zusammen mit den Linken und der AfD. 334 zu 324. Es war keine Blockade, nur eine EuGH-Prüfung. Der Handelsteil tritt trotzdem vorläufig in Kraft. Aber ausgerechnet die Partei, die von den Bauern am meisten gehasst wird, war bereit, sich dafür eine Brandmauer-Debatte einzuhandeln. Die CDU/CSU – „traditionelle Vertretung der Landwirte“ – stimmte dagegen. Gegen die Prüfung. Für das Abkommen.
Für wen?
Also: Wo sind die Bauern?
Sie sind da, wo sie immer waren. Auf ihren Höfen. Sofern es die noch gibt. Sie fordern Entlastung – über Verbände, in Taskforces, in Hinterzimmer-Gesprächen. Weniger sichtbar als 2024, aber nicht weniger dringend.
Die Frage „Wo sind die Bauern?“ ist berechtigt. Aber die Antwort ist nicht: Sie waren rechts und jetzt ist die Luft raus.
Die Antwort ist: Diesel war nie das eigentliche Thema. Das eigentliche Thema ist eine Landwirtschaft, die systematisch zerrieben wird – zwischen Regulierung und Freihandel, zwischen Handelsmacht und Verbrauchergeizhals, zwischen Standards, die wir fordern, und Preisen, die wir nicht zahlen wollen.
Das betrifft nicht nur Bauern. Das betrifft alle, die essen.
Und das sind in Deutschland, soweit ich weiß, über 83 Millionen.
Quellen
Statista, Umfrage Bauernproteste 2024 (67% Verständnis): de.statista.com Bundeszentrale für politische Bildung, Bauernproteste: bpb.de/kurz-knapp/taegliche-dosis-politik/544335 ISD Germany, Rechtsextreme Narrative: isdgermany.org/die-bauernproteste-in-deutschland Universität Heidelberg, Protestforschung: heiup.uni-heidelberg.de/journals/rupertocarola/article/download/25159 Universität Marburg, Konfliktforschung Landwirtschaftsproteste: uni-marburg.de/de/konfliktforschung Universität Göttingen, Janna Luisa Pieper, Agrarsoziologie: uni-goettingen.de ADAC, Dieselpreis Januar 2024 (~1,71€/l): adac.de/verkehr/tanken-kraftstoff-antrieb/deutschland/kraftstoffpreisentwicklung ADAC, Spritpreise März 2026: adac.de Deutschlandfunk, Agrardiesel zurück: deutschlandfunk.de/agrardiesel-subvention-kommt-zurueck-bundestag-schafft-ampel-gesetz-wieder-ab-100 Geflügelnews, Agrardiesel-Rückvergütung ab 2026 (430 Mio.€): gefluegelnews.de/article/agrardieselruckvergutung-kehrt-zuruck-bundesregierung-entlastet-landwirtschaft-ab-2026 KTBL, Dieselbedarf Landwirtschaft: daten.ktbl.de/dieselbedarf Destatis, Betriebsgrößenstruktur: destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/01/PD24_021_41 BMEL, Landwirtschaftliche Gesamtrechnung: bmel-statistik.de Praxis-agrar, Einkommen Landwirte 2023/24 (46.800€, –18,6%): praxis-agrar.de DBV, Erzeugeranteil am Verbraucherpreis: bauernverband.de/themendossiers/ernaehrung Monopolkommission, Marktkonzentration Lebensmittelhandel: monopolkommission.de Lebensmittelpraxis, Marktanteile Top 4 (~85%): lebensmittelpraxis.de Thünen-Institut, EGalim Working Paper 255: thuenen.de Bio Austria, Bio-Anteil Österreich: bio-austria.at Dänemark CO₂-Steuer Landwirtschaft: schweizerbauer.ch EU-Parlament, Mercosur EuGH-Prüfung (334:324): europarl.europa.eu/news/de/press-room/20260116IPR32450 Gespräche mit Landwirten der Freien Bauern, Februar 2026: Eigene Aufzeichnung
*Namen der Landwirte anonymisiert. Die Gespräche fanden im Februar 2026 statt.