08.08.2026/Essay

Deutschland, wie geht es Dir?

Deutschland steht objektiv besser da, als es sich anfühlt. Die Arbeitslosigkeit wird fünffach überschätzt, 83 Prozent sehen das Land auf dem falschen Weg. Diese Lücke zwischen Lage und Stimmung ist kein Zufall. Es gibt Akteure, die daran verdienen, in Geld und in Macht. Über die Empörungsökonomie, den Niedergangsglauben und die Frage, welche Kritik dem Land hilft.


Der Patient hat Schmerzen und sie drohen chronisch zu werden. So in etwa könnte man die aktuelle Lage in Deutschland beschreiben. In der vergangenen Woche habe ich ein längeres Gespräch geführt. Es ging um Politik und die Frage, ob es um Deutschland nicht viel besser steht als erzählt wird. Das betont Bundeskanzler Friedrich Merz auch gerne immer wieder: „Wir haben in Deutschland so viele Chancen, wir haben so viele Möglichkeiten – ich bin es einfach leid, dass nur schlecht geredet wird über Deutschland.“1 Leider scheitert er daran, dies in nach vorne gerichtete Motivation zu verpacken oder – um beim Bild des Patienten zu bleiben – die richtigen Pillen zu verschreiben. Wenn wir uns die Fakten anschauen, stellen wir fest, dass es Deutschland in einigen Punkten tatsächlich sehr gut geht und der Patient eher auf hohem Niveau leidet.

Unser Wasser aus dem Wasserhahn ist nicht nur Leitungswasser, sondern ein Lebensmittel, welches exzellente Qualität besitzt. Über 99 Prozent der entnommenen Proben im Zeitraum 2020 bis 2022 hielten die Grenzwerte ein, viele Parameter bewegten sich zwischen 99,9 bis 100 Prozent.2 Es ist und bleibt das am strengsten kontrollierte Lebensmittel des Landes.

Auf dem Human Development Index nimmt Deutschland den siebten von 193 Rängen ein, nachzulesen im Report von 2023/24.3

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Auch wenn gerne Gegenteiliges behauptet wird, ist die Pressefreiheit in Deutschland extrem hoch. Hier besetzt Deutschland Rang 11 von 180 in der Rangliste von 2025.4 Der Wert ist ausbaufähig, aber trotzdem enorm hoch.

Die Sicherheit im Land ist höher als ihr Ruf. Seit dem Höchststand der 1990er Jahre ist die Kriminalität in Deutschland insgesamt rückläufig.5 Die Gewaltkriminalität stieg zuletzt zwar an, die Mordrate lag 2024 dennoch bei 0,9 pro 100.000 Einwohner.6 Im Vergleich liegen die USA bei einem Vielfachen.

Wo wir gerade bei den USA sind. Jeder Mensch in Deutschland hat universellen Zugang zu medizinischen Leistungen. Ein Beinbruch bricht Dir in Deutschland nicht das Genick, also finanziell gesprochen. In den USA kann eine Krankheit den persönlichen Ruin bedeuten.7

Diese positiven Erkenntnisse können und sollen natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass vieles verbesserungswürdig ist. In der PISA Studie von 2022 fuhr Deutschland das schlechteste Ergebnis aller Zeiten ein. Deutschland liegt nur noch um den OECD-Schnitt.8 Im zweiten Halbjahr 2024 hatte Deutschland den höchsten Haushaltsstrompreis in der EU mit 39,43 € pro 100 kWh.9 Dieser Preis ist ein reales Problem, sowohl für die Industrie als auch für die Haushalte. Die Kinderarmut in Deutschland steigt. Waren es im Jahr 2023 noch 14 %, sind es im Jahr 2024 15,2 %. Das entspricht 2,25 Millionen armutsgefährdeten Kindern und Jugendlichen.10 Ohne an dieser Stelle über konkrete Lösungen zu sprechen, kann man festhalten, dass ein reiches Land, welches sich Kinderarmut leistet, kein Wohlstand, sondern ein Verteilungsproblem hat. Auch Jahrzehnte der schwarzen Null und knapper kommunaler Kassen haben Spuren hinterlassen: Kommunal wird ein Investitionsrückstand von 216 Milliarden Euro gemessen.11

All das sind echte Herausforderungen, denen Deutschland sich dringend stellen muss. Doch die Zuversicht im Land schwindet, und mit ihr die Energie, Themen wirklich umfassend anzupacken. Die Ipsos-Perils-of-Perception-Studie, also „Tücken der Wahrnehmung“, misst Wahrnehmungslücken innerhalb der Bevölkerung. In Deutschland wird der Migrantenanteil auf 30 % geschätzt. Real liegt er bei ungefähr 15 %. Der muslimische Anteil wird auf 21 % geschätzt. Real sind es nur um die 4 %. Die Arbeitslosigkeit wird sogar fünffach überschätzt. Die real existierende Arbeitslosigkeit liegt bei 4 %, die geschätzte bei 20 %.12 Laut Ipsos-Sorgenbarometer vom Februar 2026 sehen 83 % Deutschland auf dem falschen Weg. Das ist ein Rekordwert.13 74 % halten das Land für bedroht, aber nur 45 % die eigene Sicherheit.14 Das ist die sogenannte Pessimismus-Schere, in der die eigene Lage als in Ordnung eingeschätzt wird, die Landeslage aber katastrophal. Warum ist das so? Weil man das eigene Leben aus Erfahrung kennt, das Land jedoch nur aus der Medienberichterstattung. Auch Kriminalität wird in Umfang und Struktur überschätzt.15 Zusammenfassend kann man festhalten: Uns geht es besser als wir uns fühlen. Leider gibt es Akteure in diesem Land, die von negativen Gefühlen leben und daran verdienen. Denn sie wissen, Negativität klickt. Jedes negative Wort in einer Schlagzeile erhöht die Klickrate um 2,3 %. Jedes positive senkt sie um 1 %. Das ist kausale Evidenz und keine Korrelation.16

Empörung verbreitet sich gut. Angriffe auf die politische Gegenseite erzeugen das meiste Engagement.17 Das kann man besonders sehr gut vor Wahlen beobachten. Traurig aber wahr: Wer viel Krisen-Content konsumiert, hält die Welt für gefährlicher, als sie ist.18 Die Organisation Global Witness hat vor der Bundestagswahl 2025 untersucht, was TikTok neutralen Test-Accounts empfiehlt: 78 % der empfohlenen politischen Inhalte waren pro AfD.19 Das ist nicht verwunderlich, da AfD-Content vor allem darauf basiert, die Gegenseite zu verunglimpfen und Krisen größer zu machen, als sie eigentlich sind. Lösungen werden so gut wie nie ausbuchstabiert.

Krisenherde schaffen und dann daran verdienen war schon immer ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Wut skaliert Reichweite, Reichweite skaliert Werbeerlöse und Creator Funds. Negativität ist kein Versehen, sie ist Umsatztreiber. Auch Mainstream-Medien unterliegen zunehmend der Klick-Logik, denn auch sie müssen um jede Abonnentin und jeden Abonnenten kämpfen und konkurrieren dabei mit reinen Empörungsmedien. Die Forschung konstatiert, dass die Wahrnehmung die Realität schlägt. Je negativer die Wirtschaftswahrnehmung, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit rechtspopulistischer Unterstützung.20 In Deutschland lebende Menschen, denen es eigentlich gut geht, die aber das Schlimmste erwarten, wählen eher die rechtspopulistische AfD.21 Sie bildet die Heimat der Empörten. Wer das Land pauschal schlechtredet, wählt für die Rechte mit, egal, was er inhaltlich meint. Die AfD hat erfolgreich den Niedergangsglaube (Declinism) etabliert. Dadurch, dass sie zunehmend postuliert, dass Deutschland, also der Staat, nichts kann, kann sie auch gegen jede Reform wettern.

Leider vermögen progressiv denkende Menschen oft nicht, den richtigen Gegner zu benennen, denn sie verurteilen Menschen, die nur das Resultat der Empörungskultur sind, nicht aber die dahinter stehende Logik. Der Gegner ist die Logik, nämlich die Empörung als Geschäftsmodell und der prophezeite Niedergang als Machttechnik.

Wichtig ist, Kritik klar zu unterscheiden. Über meine Accounts versuche ich, Kritik immer am Konkreten fest zu machen, beispielsweise dass Deutschland einen 216-Milliarden-Investitionsrückstand hat und wie wir uns daraus befreien. Diese Kritik setzt voraus, dass Handeln immer möglich ist. Pauschale Untergangsrhetorik wie „dieses Land funktioniert nicht mehr“ behauptet, dass Handeln sinnlos sei. Das ist die Vorstufe von „dann kann man es auch gleich abreißen“. Wenn so genannte Progressive der Ansicht sind, dass die Lösung existiert und Demokratie liefern muss, sollten Aussagen vorab geprüft werden. Folgt aus einer Aussage ein Auftrag oder eine Abrissbirne?

Deutschland ist ein starkes Land. Wer sich sowohl der Stärken als auch der Schwächen dieses Landes bewusst ist, kann sich mutig Reformen zutrauen. Jene, die dieses Land plump schlecht reden, haben kein Interesse an Lösungen. Höchstens an Katastrophentourismus.

Quellen

  1. Friedrich Merz auf dem CDU-Deutschlandtag: cdu.de/aktuelles/cdu-deutschlands/merz-deutschland-hat-enormes-potenzial

  2. Bericht von Bundesgesundheitsministerium und Umweltbundesamt zur Trinkwasserqualität, Berichtszeitraum 2020–2022: umweltbundesamt.de/themen/wasser/trinkwasser/trinkwasserqualitaet

  3. UNDP, Human Development Report 2023/24, HDI-Wert 0,950: hdr.undp.org

  4. Reporter ohne Grenzen, Rangliste der Pressefreiheit 2025: reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/2025

  5. Polizeiliche Kriminalstatistik, Langzeitentwicklung; Überblick: bpb.de/themen/innere-sicherheit. 2025 sank die Zahl der registrierten Straftaten erneut um 5,6 Prozent: bka.de

  6. BKA, Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 (Gewaltkriminalität: höchster Stand seit 2007; Mord: 0,9 pro 100.000): bka.de. USA zum Vergleich: rund 5,7 pro 100.000 (FBI Crime Data, 2023).

  7. Himmelstein et al., American Journal of Public Health 2019: Rund zwei Drittel der US-Privatinsolvenzen stehen im Zusammenhang mit Krankheitskosten.

  8. OECD, PISA 2022: Deutschland Mathematik 475 (OECD 472), Lesen 480 (476), Naturwissenschaften 492 (485): oecd.org/pisa

  9. Eurostat, Electricity price statistics, 2. Halbjahr 2024 (EU-Schnitt: 28,72 € pro 100 kWh): ec.europa.eu/eurostat

  10. Destatis 2024: 15,2 Prozent bzw. 2,247 Millionen armutsgefährdete Minderjährige; 2023: 14,0 Prozent: destatis.de

  11. KfW-Kommunalpanel, wahrgenommener Investitionsrückstand der Kommunen: kfw.de

  12. Ipsos, „Perils of Perception“ – Kluft zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit in Deutschland: ipsos.com/de-de

  13. Ipsos-Sorgenbarometer, Februar 2026: ipsos.com/de-de

  14. Eurobarometer, Pressemitteilung der EU-Kommissionsvertretung in Deutschland, 13.02.2026: germany.representation.ec.europa.eu

  15. Dritter Periodischer Sicherheitsbericht der Bundesregierung, 2023: bundesjustizamt.de

  16. Robertson et al., „Negativity drives online news consumption“, Nature Human Behaviour 2023; Feldexperiment mit rund 105.000 Überschriften-Varianten der Plattform Upworthy: nature.com

  17. Rathje, Van Bavel & van der Linden, „Out-group animosity drives engagement on social media“, PNAS 2021.

  18. George Gerbner, Kultivierungsforschung („Mean World Syndrome“): Vielkonsumenten von Gewalt- und Kriseninhalten schätzen die Welt gefährlicher ein, als sie ist.

  19. Global Witness, Februar 2025: 78 Prozent der algorithmisch empfohlenen politischen Inhalte an neutrale Test-Accounts auf TikTok waren pro AfD (X: 64 Prozent): globalwitness.org

  20. U. a. Krause et al. zu Wirtschaftswahrnehmung und populistischer Unterstützung (econstor.eu) sowie Studien zu relativem Statusverlust („falling behind“) und radikal-rechter Wahl.

  21. Sipma, Lubbers & Spierings, „Working class economic insecurity and voting for radical right and radical left parties“, Social Science Research Vol. 109 (2023): Gefühlte ökonomische Unsicherheit treibt radikal-rechtes Wählen, tatsächliche Prekarität eher radikal-linkes Wählen oder Nichtwahl.

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