27.07.2026/Essay

Die 48 Stunden danach

Ein Überblick, was nach dem Anschlag auf den Berliner CSD erfunden wurde, was stimmt und was aus den Fakten nicht folgt. Von der Fake-Bombendrohung über den falsch beschuldigten Influencer bis zur Verschwörungserzählung von links – alle Quellen zu meinem Video und vier Regeln, an denen man mich messen kann.


Ein Überblick was nach dem Anschlag auf den Berliner CSD erfunden wurde, was stimmt und was aus den Fakten nicht folgt. Alle Quellen zu meinem Video auf Instagram, TikTok und YouTube Shorts.

Stand: 27. Juli 2026. Dieser Artikel wird aktualisiert, wenn sich die Faktenlage ändert. Korrekturen werden kenntlich gemacht.

Die gesicherte Faktenlage

Am Samstag wurde beim CSD in Berlin ein Mensch getötet und 29 weitere verletzt. Der Innenminister Dobrindt (CSU) spricht von einem islamistischen Terrorakt, die Bundesanwaltschaft spricht von einer „mutmaßlich islamistischen Tatbegehung“. Der mutmaßliche Täter ist ein 21-jähriger deutscher Staatsbürger aus Berlin, der bereits als Gefährder eingestuft war. Er wurde am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz in Spandau erschossen. Das sind soweit die gesicherten Fakten. Der Rest, der gerade durch die Feeds läuft, ist frei erfunden, verdreht oder geht weit über die Beleglage hinaus.

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Die Chronologie der Falschmeldungen

Am Samstag um 22:21 Uhr postet ein anonymer Account auf X, dass der CSD „wegen angeblicher Bombendrohung“ evakuiert werde. Dies ist frei erfunden. Außerdem gibt es Gerüchte über Schüsse im Tiergarten. Dies wird noch vor Ort von der Polizei dementiert. Am Sonntag kursiert ein Fake-Festnahme-Video, welches von der Jungen Freiheit und einem AfD-Landtagsabgeordneten aus Sachsen-Anhalt geteilt wird. Auch etablierte Online-Medien und ein Fernsehsender übernehmen das Fake-Video. Allerdings gab es keine Festnahme zu diesem Zeitpunkt, und der Verdächtige war weiterhin flüchtig. Parallel wird das Selfie-Video eines Mannes geteilt, der erzählt, er sei in die Türkei abgeschoben worden und reise zurück – fälschlich als der Gesuchte ausgegeben und als Beleg in der Abschiebedebatte verwendet. Auch das hat der tagesschau-Faktenfinder inzwischen auseinandergenommen: Der Verdächtige war nie abgeschoben worden. Dann gibt es den Fall aus meinem Video-Hook: Ein Influencer wird massenhaft als der Attentäter markiert. Er ist jung, trägt denselben Vornamen wie der Gesuchte und ähnelt dem Fahndungsfoto. Er wehrt sich seitdem öffentlich gegen die Verleumdung. Das Muster ist bereits bekannt. Nach dem Sechsfachmord von Stade im Juni wurde eine unbeteiligte Frau durch dieselbe Mechanik beleidigt und bedroht.

Falschmeldungen nach Anschlägen entstehen nicht nur aus Böswilligkeit. Augenzeugen berichten unter Stress. Die Polizei muss Aussagen erst prüfen, und manches Unbestätigte stellt sich später als wahr heraus. Genau diese Grauzone macht performative Gewissheit unseriös, egal, von welcher Seite die Nachricht stammt. Gleichzeitig sehnt sich der Mensch nach einfachen Antworten und eine zu gering ausgeprägte Ambiguitätstoleranz behindert eine klare Sicht und eine sachliche Einordnung.

Der virale Take von links: Was stimmt und was daraus nicht folgt

Auch aus der anderen politischen Richtung kommt ein reichweitenstarker Take. Die rechte Fake-Verstärkung ist zwar systematischer und reichweitenstärker, deswegen widme ich ihr oben auch mehr Raum. Trotzdem setze ich die gleichen Maßstäbe an, denn Sorgfalt darf nicht davon abhängen, wem man nahe steht. Wer Sorgfalt nur von der Gegenseite verlangt, macht aus einem Prinzip eine Taktik. Ein Social Media Berater, der nach eigener Aussage die Linke im Bundestag berät, bringt Putin in Verbindung mit Anschlägen dieser Art. Er sei der, „der diese Anschläge für die AfD in Auftrag gibt und dabei auch schon erwischt wurde“. Zudem ereigne sich ein solcher Anschlag „rein zufällig ca. zwei Monate vor der nächsten Wahl in Berlin“. Wir haben es hier mit der Bauart einer modernen Verschwörungserzählung zu tun. Echte Bausteine vermischt mit einer erfundenen Verbindung machen daraus einen reichweitenstarken Take.

Was stimmt: Frohnmaier von der AfD hat 2018 bei RT verlauten lassen, die Krim sei „jetzt die russische Krim“, das müsse man akzeptieren (ZDF frontal, tagesschau-Investigativ).

Chrupalla war 2020 rund drei Stunden bei Außenminister Lawrow in Moskau – nicht, wie im Video behauptet, im Kreml bei Putin.

Im September 2025 reisen rechtsextreme Aktivisten, inklusive Mitarbeitern von AfD-Abgeordneten laut Thüringer Verfassungsschutz (MDR), nach Afghanistan, um dort Taliban-Kontakte zu pflegen. Wichtig: Hier handelte es sich um Mitarbeiter, keine Abgeordneten.

Eine Spiegel-Auswertung ergab, dass die AfD-Landtagsfraktionen seit 2020 über 7.000 Kleine Anfragen mit sicherheitsrelevanten Bezügen gestellt haben. Innenminister mehrerer Bundesländer beschrieben dies als „Kreml-Auftragsliste“. Jedoch gab es keine stichhaltigen Erkenntnisse für einen Spionage-Missbrauch.

Russische Sabotage in Europa ist real: Die Bundesanwaltschaft führte Anfang 2026 rund 20 Verfahren gegen 23 Personen wegen russisch gesteuerter Sabotage- und Spionagehandlungen, die Dienste beschreiben billige „Wegwerf-Agenten“.

Was daraus jedoch nicht folgt, ist eine Auftragskette Putin → Islamischer Staat → Anschlag auf den CSD. Kein einziges der genannten Verfahren betrifft einen beauftragten islamistischen Anschlag. Der tagesschau-Faktenfinder schreibt zum Berliner Fall, es gebe „derzeit keine Hinweise“ auf eine Wegwerf-Agenten-Konstellation. Der BR hat dieselbe Steuerungs-These schon nach dem Anschlag von München geprüft und keine Belege gefunden. Die im Video zitierten russischen Suchanfragen vor dem Mannheimer Attentat stammen aus einer echten ZDF-Recherche. Ihre Google-Trends-Methodik trägt aber keine Beweisführung, darin sind sich die Kritiker einig. Das ZDF selbst sprach von Hinweisen, nicht von Beweisen. „Erwischt“ wurde bei alldem niemand.

Mehrere Behauptungen des Videos habe ich trotz gezielter Suche nicht belegen können. Darunter die Geschichte eines NRW-AfD-Politikers, der sich „bei der Taliban auf einen Job beworben“ habe, ein angebliches Krah-Zitat über ein Bündnis mit Islamisten, eine AfD-Anfrage zur Stromnetz-Stabilität unmittelbar vor dem Berliner Stromnetz-Anschlag und die Zahl von „über 300 BKA-Sabotage-Verdachtsfällen 2025“. Die Polizei hat die These, das Bekennerschreiben zum Stromnetz-Anschlag sei aus dem Russischen übersetzt, bereits im Januar zurückgewiesen. Bemerkenswert ist eine Randnotiz im Video, denn es behauptet zur Beruhigung, dass es in Deutschland „im Schnitt einen Anschlag alle zwei Jahre“ gebe. Der Verfassungsschutz zählt allein für 2025 vier vollendete islamistische Anschläge. Die Fakten sind hier in beide Richtungen Verfügungsmasse.

Der Urheber räumt an zwei Stellen selbst ein, dass er die Kernthese „nicht direkt beweisen“ kann, und spricht ironisch davon, sich „den Aluhut“ aufzusetzen. Genau diese Bauart macht solche Videos wirksamer als plumpe Fakes, denn die echten Bausteine färben auf die erfundene Verbindung ab, und die eingebaute Selbstironie immunisiert gegen Kritik. Ich halte die AfD für gefährlich genug, um sie mit Fakten zu stellen. Wer Märchen über sie erzählt, macht sie stärker. Jede widerlegte Übertreibung muss danach als Beweis herhalten, dass an der Kritik insgesamt nichts dran ist.

„Solche Anschläge passieren immer kurz vor Wahlen“

Diese Behauptung kursiert in mehreren Varianten, meist mit einer Liste: Mannheim vor der Europawahl, Solingen vor Sachsen und Thüringen, München vor der Bundestagswahl, jetzt Berlin vor der Abgeordnetenhauswahl. Drei Dinge zerlegen das Muster.

Erstens stimmen die Listen oft nicht. Mannheim lag neun Tage vor der Europawahl, nicht „zwei Tage“, wie eine virale Version behauptet. Der Magdeburger Weihnachtsmarkt-Attentäter war islamfeindlich motiviert, nicht islamistisch, und passt gar nicht in die Reihe. Der Termin der Bundestagswahl 2025 wurde erst Mitte November 2024 festgelegt – eine langfristige Steuerung „auf die Wahl hin“ hätte hellseherische Fähigkeiten vorausgesetzt.

Zweitens verschweigen die Listen die Gegenbeispiele. Waldkraiburg im April 2020, Dresden im Oktober 2020, der ICE-Angriff im November 2021 (über einen Monat nach der Bundestagswahl), Duisburg im April 2023: alles islamistische Taten aus der Verfassungsschutz-Chronologie, ohne Wahl in Sichtweite.

Drittens: In Deutschland ist fast immer bald irgendeine Wahl. Zwischen 2023 und 2026 gab es mindestens 15 Bundestags-, Landtags- und Europawahlen, dazu Kommunalwahlen. Ein beliebiger Tag liegt so gut wie immer wenige Wochen vor einem Wahltermin. Wer nur die Treffer zählt und die Nieten weglässt, findet jedes Muster, das er sucht. Die Korrelation entsteht genau dort, wo die Behauptung sie selbst verortet: bei den Anschlägen, „die groß ausgeschlachtet werden“. Ausgeschlachtet wird vor Wahlen mehr. Geplant wird deshalb nichts.

Meine vier Regeln

Aus diesen 48 Stunden habe ich für meine eigene Arbeit vier Regeln abgeleitet, und ich lege sie öffentlich fest, damit man mich daran messen kann. Ich verbreite nichts, was die Ermittlungsbehörden nicht bestätigt haben, auch nicht als Frage. Ich zeige keine Namen und Gesichter von Verdächtigen, bevor sie bestätigt sind. Ich sage dazu, was ich nicht weiß. Und wenn ich falsch liege, korrigiere ich mit derselben Reichweite wie den Fehler.

Diese Regeln sind kein Selbstzweck. Die Sozialforschung zeigt: Menschen wählen rechts, wenn sie sich unsicher fühlen – ganz gleich, wie bedrohlich die Lage wirklich ist. Jedes erfundene Gerücht zahlt auf dieses Gefühl ein, egal aus welcher politischen Richtung es kommt. Die Betroffenen selbst haben es vorgemacht. Der Lesben- und Schwulenverband bat unmittelbar nach der Tat um genau eine Sache: keine Spekulationen.

Für unsere Gesellschaft ist es eine ungeheure Herausforderung, dass jede und jeder beliebig ungefiltert „Neuigkeiten“ verbreiten kann. Wer Millionen Menschen erreicht, hat eine Sorgfaltspflicht und es ist richtig und wichtig, dass es Behörden gibt, die diese auch einfordern. Das jüngste Beispiel: Die Landesmedienanstalt NRW fordert vom Podcast „Ungeskriptet“ eine nachträgliche journalistische Einordnung seines reichweitenstarken Höcke-Interviews, weil dort eine widerlegbare Tatsachenbehauptung unwidersprochen blieb. Keine Löschung, keine Strafe – eine Einordnung. Genau das ist der Maßstab, um den es hier geht.

Quellen

Anschlag und Ermittlungen

  • Polizei Berlin: Pressemitteilung zum Anschlag im Umfeld des Christopher Street Day (26.07.2026)
  • tagesschau: Einordnung von Innenminister Dobrindt als islamistischer Terrorakt (26.07.2026)
  • tagesschau / Bundesanwaltschaft: Tod des Tatverdächtigen bei Polizeieinsatz in Spandau (26./27.07.2026)

Falschmeldungen und Faktenchecks

  • tagesschau-Faktenfinder: Falsche Tätervorwürfe in sozialen Netzwerken nach dem Anschlag auf den CSD (27.07.2026)
  • RND: Erst kommt die Schreckensnachricht, dann folgen die Falschmeldungen (26.07.2026)
  • Focus: Bericht zum falsch beschuldigten Influencer (26.07.2026)
  • LSVD – Verband Queere Vielfalt: Stellungnahme zum Anschlag, Bitte um Verzicht auf Spekulationen (26.07.2026)
  • BR24: Terrorwelle in Deutschland – zwischen Fakten und Vermutungen, keine Belege für russische Anschlagssteuerung (19.02.2025)

Claim-Check: AfD, Russland, Sabotage

  • ZDF frontal / tagesschau-Investigativ: Frohnmaier-Interview bei RT zur Krim (2018)
  • Spiegel: Auswertung zu mehr als 7.000 sicherheitsrelevanten Kleinen Anfragen der AfD-Landtagsfraktionen seit 2020
  • ZEIT: Innenminister zu AfD-Anfragen als Kreml-Auftragsliste (22.10.2025)
  • t-online: Landesministerien sehen keine stichhaltigen Erkenntnisse für Spionage über AfD-Anfragen
  • Kölnische Rundschau: Bundesanwaltschaft führt rund 20 Verfahren gegen 23 Personen wegen russisch gesteuerter Sabotage und Spionage (März 2026)
  • MDR / Thüringer Verfassungsschutz: Afghanistan-Reise rechtsextremer Aktivisten mit Taliban-Kontakten (September 2025)
  • Mannheimer Morgen / Focus: ZDF-Recherche zu Suchanfragen aus Russland vor dem Mannheimer Attentat und Methodik-Kritik (2025)

Wahltermine und Anschlagschronologie

  • Bundesamt für Verfassungsschutz: Chronologie islamistisch motivierter Anschläge in Deutschland
  • Bundesrat: Übersicht der Wahltermine der Landesparlamente

Medienaufsicht und Sorgfaltspflicht

  • Legal Tribune Online: Analyse zum Verfahren der Landesmedienanstalt NRW zum Podcast Ungeskriptet (06.07.2026)
  • Tagesspiegel: Podcaster kündigt Klage gegen Medienaufsicht an (06.07.2026)

Forschung

  • Sipma, Lubbers, Spierings: Working class economic insecurity and voting for radical right and radical left parties, Social Science Research Vol. 109 (2023)

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