Warum wir verlernt haben, zwei Dinge gleichzeitig für wahr zu halten.
Ich weiß nicht, was die richtige Antwort auf den Nahostkonflikt ist.
Das ist kein rhetorischer Trick. Das ist keine False Balance. Das ist keine Feigheit. Es ist die ehrlichste Aussage, die ich zu einem Thema machen kann, über das klügere Menschen als ich seit Jahrzehnten streiten, ohne sich einig zu werden.
Was, wenn die AfD nicht gewinnt?
Alle fragen, was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt gewinnt. Die spannendere Frage ist die andere: Wer regiert, wenn sie die absolute Mehrheit verpasst, was schuldet eine demokratische Regierung den 40 Prozent, und warum verliert, wer der AfD nachläuft? Über Minderheitsregierungen, das Liefern und den September 2031.
→ WeiterlesenUnd genau deshalb misstraue ich jedem, der behauptet, er wüsste es.
Die Zahlen, die niemand aushalten will
Rund 1.200 Menschen wurden am 7. Oktober 2023 in Israel ermordet. 828 davon Zivilisten. Familien in ihren Häusern. Besucher eines Musikfestivals. Kinder.
Über 70.000 Palästinenser sind seitdem in Gaza getötet worden – die tatsächliche Zahl liegt laut unabhängigen Forschern des Max-Planck-Instituts deutlich über 100.000, wenn man indirekte Kriegstote einrechnet. Darunter mindestens 20.000 Kinder. Über 53.000 Kinder haben ein Elternteil verloren. Über 2.500 haben beide verloren.
Diese Zahlen stehen nebeneinander. Nicht gegeneinander.
Wer die 1.200 nennt und die 70.000 verschweigt, betreibt keine Solidarität – sondern Selektion. Wer die 70.000 nennt und den 7. Oktober relativiert, betreibt keine Gerechtigkeit – sondern Verharmlosung.
Und trotzdem verlangt die Debatte – in Talkshows, auf Social Media, in Parlamenten – genau das: Wähl eine Seite.
Warum du dich entscheiden sollst
Dieses Gefühl, eine Seite wählen zu müssen, ist kein Zufall. Es ist ein Produkt.
Ein Algorithmus hat eine Aufgabe: dich so lang wie möglich auf der Plattform halten. Die effizienteste Methode dafür ist Erregung. Wut funktioniert. Empörung funktioniert. Nuance funktioniert nicht.
Ein Post, der sagt: „Hamas ist Terror“ – Reichweite. Ein Post, der sagt: „73.000 Tote sind unerträglich“ – Reichweite. Ein Post, der beides gleichzeitig sagt? Fällt durch jedes Raster. Zu lang. Zu differenziert. Zu wenig Dopamin.
Das ist kein Versagen der Nutzer. Das ist das Geschäftsmodell. Plattformen verdienen Geld mit Polarisierung. Jeder Klick auf einen wütenden Kommentar ist ein Cent für Meta. Jede geteilte Empörung ist Umsatz für TikTok. Nachdenklichkeit ist schlecht fürs Geschäft.
Und so werden die kompliziertesten Fragen unserer Zeit in das primitivste Format gepresst: Dafür oder dagegen. Schwarz oder weiß. Gut oder böse.
Ambiguitätstoleranz
Ambiguitätstoleranz bezeichnet die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit und Unsicherheit auszuhalten – ohne sie vorschnell in eine einfache Antwort aufzulösen. Der Begriff stammt aus der Psychologie (Else Frenkel-Brunswik, 1949) und wurde ursprünglich in der Autoritarismusforschung entwickelt: Menschen mit niedriger Ambiguitätstoleranz neigen stärker zu autoritären Weltbildern, weil diese Eindeutigkeit versprechen.
In der politischen Debatte bedeutet Ambiguitätstoleranz: Zwei Dinge gleichzeitig für wahr halten zu können. Trauer über 1.200 Tote in Israel und Trauer über 70.000 Tote in Gaza. Kritik an israelischer Politik und Ablehnung von Antisemitismus. Das Recht auf Selbstverteidigung und die Pflicht zur Verhältnismäßigkeit.
Das Gegenteil – Ambiguitätsintoleranz – äußert sich als Drang, die Welt in klare Lager einzuteilen. In Freund und Feind. In Gut und Böse. Dieser Drang ist menschlich. Aber er ist gefährlich, wenn er zur Grundlage politischer Entscheidungen wird.
Die mutigsten Stimmen kommen nicht aus deutschen Talkshows
Während wir in Deutschland darüber streiten, wer was sagen darf, gibt es Menschen, die die Ambiguität nicht nur aushalten – sondern verteidigen. Ausgerechnet dort, wo es am meisten wehtut.
Nadav Weiman war Scharfschütze in der israelischen Armee. Heute leitet er Breaking the Silence – eine Organisation israelischer Veteranen, die dokumentieren, was sie selbst getan haben. Am 7. Oktober rannte er mit seinen Kindern in den Schutzraum in Tel Aviv. Danach sagte er sinngemäß: „Wir sind eine Rachearmee geworden.“
Dieser Mann hat zwei Dinge gleichzeitig erlebt: die Angst um seine Familie und die Erkenntnis, dass die Reaktion seines Landes moralisch katastrophal ist. Er hat sich nicht für eine Seite entschieden. Er hat die Wahrheit ausgehalten, die in beiden liegt.
B'Tselem ist eine israelische Menschenrechtsorganisation, gegründet 1989 in Jerusalem. 2021 veröffentlichte sie einen Bericht, der Israels Politik als Apartheid einstufte. 2025 einen weiteren, der das Vorgehen in Gaza als Genozid bezeichnete.
Im Schweizer Parlament wurde daraufhin eine Interpellation eingereicht – von der SVP. Titel: „Die vom Bund finanziell unterstützte NGO B'Tselem und ihre hetzerische Kampagne gegen Israel.“ Die Forderung: Finanzierung beenden, möglichst rückwirkend.
Der Schweizer Bundesrat tat etwas Bemerkenswertes. Er weigerte sich, den Apartheid-Begriff selbst zu verwenden – weil „bisher noch keine richterliche Instanz in diesem Sinne geurteilt hat.“ Gleichzeitig verteidigte er B'Tselems Meinungsfreiheit, die „Legitimität der öffentlichen Debatte“ und behielt die Finanzierung bei. Kein Geld gestrichen. Keine Distanzierung.
Das ist Ambiguitätstoleranz in der Praxis. Man muss nicht jede Aussage einer Organisation teilen, um ihr Recht auf diese Aussage zu verteidigen. Man kann den Begriff Apartheid vermeiden und gleichzeitig anerkennen, dass die Debatte darüber geführt werden muss.
Meron Mendel – israelisch-deutscher Pädagoge und Publizist, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank – beschreibt die Debatte sinngemäß als Fußballspiel: Zwei Lager, die den Gegner beschimpfen. Anstatt die friedlichen Kräfte auf beiden Seiten zu stärken.
Deborah Feldman – jüdische Autorin, Enkelin von Holocaust-Überlebenden – sagt einen Satz, der mich nicht mehr loslässt:
„Die Staatsräson soll den Deutschen die Angst vor dem eigenen inneren Monster nehmen.“
Die deutsche Sonderrolle: Wenn Schuld zum Kompass wird
Die deutsche Debatte über Israel und Palästina hat ein Problem, das kein anderes Land in dieser Form hat: die Shoah. Die Verantwortung für den industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden prägt – zu Recht – die deutsche Außenpolitik, die deutsche Erinnerungskultur, das deutsche Selbstverständnis.
Aber irgendwann hat sich aus dieser Verantwortung etwas anderes entwickelt. Feldman nennt es die Bereitschaft, „gegenüber Israel blind zu sein.“ Mendel beschreibt es als eine Debatte, die um deutsche Selbstwahrnehmung kreist – nicht um den Konflikt. Nicht um die Menschen.
Die Staatsräson – „Israels Sicherheit ist deutsche Staatsräson“ – war als moralischer Kompass gedacht. In der Praxis funktioniert sie zunehmend als Diskursschranke. Wer israelische Politik kritisiert, muss sich erst einmal dafür rechtfertigen, dass er das überhaupt tut. Nicht inhaltlich. Sondern existenziell. „Darf man das als Deutscher sagen?“
Ja. Man darf. Man muss sogar.
Nicht weil Israel grundsätzlich falsch handelt. Sondern weil ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt hat, universelle Maßstäbe anlegen muss – nicht selektive. Wer Menschenrechte nur dort verteidigt, wo es politisch bequem ist, verteidigt keine Menschenrechte. Der verteidigt Bündnisse.
Und das ist der Punkt, an dem die deutsche Debatte scheitert: Sie verwechselt Loyalität mit Moral.
Was Apartheid völkerrechtlich bedeutet – und warum das wichtig ist
Eine kurze Abschweifung, weil die Begriffe in dieser Debatte wie Waffen benutzt werden.
Apartheid ist kein Schimpfwort. Es ist ein völkerrechtlicher Tatbestand. Definiert in zwei internationalen Rechtsinstrumenten:
Die Apartheid-Konvention von 1973 definiert das Verbrechen als „unmenschliche Handlungen, begangen zum Zweck der Errichtung und Aufrechterhaltung der Vorherrschaft einer Rassengruppe über eine andere und deren systematische Unterdrückung.“
Das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (Art. 7) definiert es als Verbrechen gegen die Menschlichkeit: „Unmenschliche Handlungen im Rahmen eines institutionalisierten Regimes der systematischen Unterdrückung und Beherrschung durch eine Rassengruppe über eine andere, mit der Absicht, dieses Regime aufrechtzuerhalten.“
Entscheidend: Beide Definitionen sind universell. Sie gelten überall, nicht nur in Südafrika. Die Völkerrechtskommission stuft das Apartheid-Verbot als jus cogens ein – eine zwingende Norm, von der kein Staat abweichen darf.
Human Rights Watch, Amnesty International, B'Tselem und UN-Sonderberichterstatter haben diese Definitionen auf die israelische Politik angewandt und argumentiert, dass die Kriterien erfüllt sind. Israel bestreitet das energisch. Kein Gericht hat bislang rechtskräftig in diesem Sinne geurteilt.
Beides kann man gleichzeitig festhalten: Dass die Argumente der Organisationen substanziell sind und auf anerkanntem Völkerrecht basieren. Und dass keine richterliche Instanz bislang entschieden hat. Wer die Argumente als „hetzerisch“ abtut, ignoriert das Völkerrecht. Wer von einer gesicherten Rechtslage spricht, überspringt den Prozess. Ambiguität bedeutet, beides ernst zu nehmen.
Ein offener Brief, der die Debatte in einem Satz zusammenfasst
Im Oktober 2023 veröffentlichten über 100 jüdische Künstler und Wissenschaftler in Deutschland einen offenen Brief. Darin steht ein Satz, der alles enthält:
„Es gibt keine Rechtfertigung für vorsätzliche Angriffe auf Zivilisten durch die Hamas. Wir verurteilen vorbehaltlos die terroristischen Angriffe auf Zivilisten in Israel. Mit gleicher Schärfe verurteilen wir die Tötung von Zivilisten in Gaza.“
Vorbehaltlos. Mit gleicher Schärfe.
Keine Hierarchisierung des Leids. Kein „Ja, aber.“ Kein Weglassen, kein Relativieren, kein Aufrechnen. Beides. Gleichzeitig.
Wenn über hundert jüdische Intellektuelle diese Haltung formulieren können – in Deutschland, mit der Last der deutschen Geschichte – dann dürfen wir sie uns auch zumuten.
Das Muster ist überall
Israel und Gaza ist das schmerzhafteste Beispiel. Aber das Muster dahinter ist universell.
Klimawandel: Du bist entweder für Klimakleber oder für Autofahrer. Eine Position dazwischen – dass der Klimawandel existenzbedrohend ist UND dass Menschen aufs Auto angewiesen sind – hat keinen Raum.
Migration: Du bist entweder für offene Grenzen oder gegen Ausländer. Die Position, dass Migration bereichert UND reguliert werden muss, wird von beiden Seiten als Verrat gelesen.
Russland und Ukraine: Du bist für Waffenlieferungen oder du bist Putin-Versteher. Die Position, dass die Ukraine sich verteidigen darf UND dass jeder Krieg nach einer Verhandlungslösung suchen muss, wird als Widerspruch behandelt. Sie ist keiner.
Überall dasselbe Schema: Algorithmen belohnen Extrempositionen. Medien brauchen klare Lager für ihre Formate. Politiker profitieren von Vereinfachung, weil einfache Antworten besser ankommen als ehrliche.
Und jedes Mal verlieren wir etwas, das wir dringend brauchen: die Fähigkeit, zwei Dinge gleichzeitig für wahr zu halten.
Psychologen nennen das Ambiguitätstoleranz. Es ist die Grundlage jeder demokratischen Debatte. Und sie wird systematisch zerstört – nicht von bösen Menschen, sondern von einem System, das Eindeutigkeit belohnt und Komplexität bestraft.
Die gefährlichste Lüge
Die gefährlichste Lüge unserer Zeit ist nicht eine falsche Behauptung.
Sondern die Behauptung, dass es auf jede Frage eine einfache Antwort gibt.
Es gibt keine einfache Antwort auf den Nahostkonflikt. Es gibt keine einfache Antwort auf die Klimakrise. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wie wir zusammenleben wollen.
Was es gibt, sind Menschen, die bereit sind, das auszuhalten. Die bereit sind, 1.200 Tote zu betrauern und 70.000 Tote zu betrauern – ohne das eine gegen das andere aufzurechnen. Die bereit sind, Hamas als Terrororganisation zu benennen und gleichzeitig die Tötung von 20.000 Kindern unerträglich zu finden.
Das sind keine Leute ohne Meinung. Das sind Leute mit einer Haltung.
Die Haltung lautet: Die Welt ist komplex. Wer so tut, als wäre sie es nicht, macht sie nicht einfacher. Er macht sie gefährlicher.
Quellen
B'Tselem Report „Our Genocide“ (Juli 2025): btselem.org/publications/202507_our_genocide B'Tselem Report „Living Hell“ (Januar 2026): btselem.org/publications/202601_living_hell Breaking the Silence / Nadav Weiman: democracynow.org/2024/4/10/breaking_the_silence_israel Breaking the Silence / AP-Recherche „Human Shields“ (Mai 2025): latimes.com/world-nation/story/2025-05-24/israeli-use-of-human-shields-in-gaza-was-systematic Meron Mendel, „Über Israel reden“: deutschlandfunk.de/historiker-meron-mendel-fordert-andere-nahost-politik-deutschlands-100 Deborah Feldman: evangelisch.de/inhalte/223170/13-11-2023 Offener Brief jüdischer Intellektueller: taz.de/Offener-Brief-juedischer-Intellektueller/!5965154 RIAS Jahresbericht 2024 (antisemitische Vorfälle +77%): report-antisemitism.de/documents/04-06-25_RIAS_Bund_Jahresbericht_2024 ICJ Provisional Measures (26.01.2024): icj-cij.org/case/192 Amnesty International Genozid-Feststellung (05.12.2024): amnesty.org/en/latest/news/2024/12/amnesty-international-concludes-israel-is-committing-genocide HRW World Report 2026: ecoi.net/en/document/2136225 Max-Planck-Institut für demografische Forschung – Gaza-Opferschätzungen: demogr.mpg.de Schweizer Parlament – Interpellation 22.5311 (Gafner/SVP zu B'Tselem): parlament.ch Apartheid-Konvention 1973, Art. II: legal.un.org/avl/ha/cspca/cspca.html Römisches Statut des IStGH, Art. 7(2)(h): icc-cpi.int/sites/default/files/2024-05/Rome-Statute-eng.pdf Human Rights Watch – Apartheid-Analyse (2021): hrw.org/news/2021/07/09/human-rights-watch-responds-reflections-apartheid-and-persecution-international-law Frenkel-Brunswik, Else (1949): „Intolerance of Ambiguity as an Emotional and Perceptual Personality Variable“ – Journal of Personality