Warum totalitäre Sprache Debatten zerstört, unterschiedliche Wissensstände uns trennen – und die AfD davon profitiert.
Im September 2024 schrieb Cem Özdemir einen Gastbeitrag in der FAZ. Er erzählte von seiner Tochter. Dass sie an der Ostsee mit einer Freundin, deren Vater aus Tansania stammt, rassistisch beleidigt wurde. Dass sie seitdem nicht mehr an die Ostsee will. Und dass sie in Berlin „von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert“ werde.
Innerhalb von Stunden war das Urteil gesprochen. Das „sexistischste, rassistischste Klischee schlechthin“, schrieb die Journalistin Annika Brockschmidt. „Geht’s noch kartoffeliger?“, fragte Özgür Özvatan, Forscher am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Eine Grünen-Bundestagsabgeordnete nannte den Artikel im Spiegel „moralisch krass disqualifizierend“.
Was, wenn die AfD nicht gewinnt?
Alle fragen, was passiert, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt gewinnt. Die spannendere Frage ist die andere: Wer regiert, wenn sie die absolute Mehrheit verpasst, was schuldet eine demokratische Regierung den 40 Prozent, und warum verliert, wer der AfD nachläuft? Über Minderheitsregierungen, das Liefern und den September 2031.
→ WeiterlesenEin Mann mit türkischem Migrationshintergrund, der selbst Rassismus erlebt hat, beschrieb, was seine Tochter erlebt – und wurde zum Rassisten erklärt.
Im März 2026, als derselbe Özdemir Baden-Württemberg mit 30,2 Prozent gewann, schrieb die NSU-Anwältin Seda Başay-Yıldız: „Er ist schon lange nicht mehr ‚unser‘ Cem.“
An dieser Debatte ist so ziemlich alles kaputt, was an einer Debatte kaputt sein kann. Und das Problem ist nicht Özdemir. Das Problem ist auch nicht seine Kritiker. Das Problem ist die Sprache, mit der wir über Rassismus sprechen.
Zwei Wahrheiten, null Debatte
Beginnen wir mit dem, was die Kritiker richtig sehen.
„Männer mit Migrationshintergrund“ ist eine Zuschreibung. Man sieht niemandem den Migrationshintergrund an. Was man sieht – oder zu sehen glaubt – sind phänotypische Merkmale, Kleidung, Sprache. Wenn Özdemirs Tochter „Männer mit Migrationshintergrund“ als Tätergruppe benennt, dann ordnet sie auf Basis von Äußerlichkeiten eine Herkunft zu. Das ist – rassismustheoretisch gesprochen – eine Zuschreibung gruppenbezogener Eigenschaften auf Basis biologischer oder kultureller Merkmale.
Aladin El-Mafaalani beschreibt in „Wozu Rassismus?“ den Diskriminierungsprozess in drei Stufen: Zuschreibung, Abwertung, Ausgrenzung. „Rassistisch diskriminierend ist eine Handlung dann, wenn man einem oder mehreren Menschen aufgrund von Merkmalen gruppenbezogene Eigenschaften zuschreibt und diese Zuschreibung dann zu Abwertung und schließlich zu Ausgrenzung führt.“
Die Formulierung im FAZ-Artikel bedient die erste Stufe. Sie aktiviert ein Muster, das in der Rassismusforschung gut dokumentiert ist. Das ist keine Meinung. Das ist Forschungsstand.
Und jetzt beginnen wir mit dem, was Özdemir richtig sieht.
Sexualisierte Belästigung von Frauen im öffentlichen Raum ist ein reales Problem. Die Erfahrungen seiner Tochter sind real. Die Frage, ob patriarchale Strukturen in bestimmten kulturellen Kontexten eine Rolle bei sexualisierter Gewalt spielen, ist eine legitime Forschungsfrage – und die Antwort ist: Ja, sie tun es. Nicht exklusiv, nicht kausal, nicht monokausal. Aber als ein Faktor unter vielen.
Die Jüdische Allgemeine wies in ihrer Kommentierung des FAZ-Artikels auf ein Paradox hin, das in der Debatte fast völlig unterging: „Wer die Diskussion über Täter mit Migrationshintergrund im Namen des Antirassismus verhindern will, verwehrt diesen Frauen Hilfe und verhindert zugleich die Differenzierung zwischen wenigen Tätern und Migranten allgemein. Paradoxerweise nimmt die Warnung vor dem Generalverdacht diejenigen in Gruppenhaft, die am häufigsten Opfer der Täter werden“ – nämlich muslimische Frauen.
Zwei Wahrheiten. Beide belegt. Beide unbequem. Und statt sie zusammenzudenken, hat die Debatte sie gegeneinander ausgespielt.
Das Wissensstands-Problem
Ein Teil der Erklärung liegt in etwas, das selten benannt wird: unterschiedliche Wissensstände.
Wer El-Mafaalani gelesen hat, wer Terkessidis kennt, wer sich mit strukturellem und institutionellem Rassismus beschäftigt hat, der liest Özdemirs Formulierung mit einem geschulten Blick. „Männer mit Migrationshintergrund“ ist für diese Person keine neutrale Beschreibung – es ist ein Trigger, der an jahrhundertealte Zuschreibungsmuster andockt.
Wer das nicht gelesen hat – und das sind die allermeisten Menschen – liest dieselbe Formulierung als eine banale Alltagsbeobachtung. Als die Beschreibung einer Erfahrung, die viele Frauen kennen. Und empfindet die Reaktion „Rassist!“ als vollkommen unverhältnismäßig.
Beide lesen denselben Satz. Und sie lesen komplett verschiedene Dinge.
Mark Terkessidis hat in seiner Arbeit über institutionellen Rassismus auf genau dieses Problem hingewiesen. Wenn Rassismus moralisch verhandelt wird, löst er „eine erhebliche Störung im Selbstbild“ aus. Die Folge: Reflexartige Abwehr. Der Vorwurf „Rassist“ wird nicht als Einladung zur Reflexion verstanden, sondern als Angriff auf die Identität. Und die Verteidigung ist nicht: „Lass mich darüber nachdenken“, sondern: „Ich bin kein Rassist!“
Die moralische Rahmung erzeugt genau die Verhärtung, die sie überwinden will.
Das Totalitäts-Problem
Und hier liegt das zweite, noch tiefere Problem: der Sprung von der Aussage zur Identität.
„Diese Formulierung reproduziert ein rassistisches Muster“ ist eine Aussage über eine Handlung. Sie ist kritisierbar, diskutierbar, widerlegbar. Man kann darüber reden.
„Er IST ein Rassist“ ist eine Aussage über ein Wesen. Sie ist totalitär. Sie lässt keinen Raum für Kontext, Absicht, Lernfähigkeit, Biografie. Sie reduziert einen Menschen auf ein Urteil.
In der politischen Debatte hat dieser Sprung verheerende Konsequenzen.
Cem Özdemir ist ein Mann, der als Kind türkischer Gastarbeiter in Schwaben aufwuchs. Der den Rassismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft am eigenen Leib erfahren hat. Der seine Tochter erlebt hat, wie sie an der Ostsee rassistisch beleidigt wird. Der gleichzeitig beschreibt, wie seine Tochter in Berlin sexualisiert belästigt wird. Der über beides spricht – weil er beides als Vater nicht hinnehmen will.
Ihn zum Rassisten zu erklären, ist nicht nur analytisch fragwürdig. Es ist strategisch katastrophal. Denn es macht aus einem Verbündeten einen Gegner. Und es signalisiert jedem, der ähnliche Erfahrungen hat, aber die theoretischen Begriffe nicht kennt: Halt den Mund. Oder du bist der Nächste.
Özdemir selbst hat bei Maischberger im Dezember 2025 gesagt: „Ich verstehe ein bisschen was von Rassismus. Ich habe das auch oft genug erlebt. Ich wäre vorsichtig mit der Rassismuskeule: Wenn man die ständig auspackt, nutzt sie sich ab, und irgendwann dort, wo wir es wirklich mit Rassismus zu tun haben, mit Menschenfeinden, nimmt man es nicht mehr ernst.“
Man kann ihm vorwerfen, dass er damit das Problem kleinredet. Oder man kann anerkennen, dass ein Mann mit migrantischer Biografie und persönlicher Rassismuserfahrung vielleicht einen Punkt hat, wenn er sagt: Jedes Werkzeug, das man falsch einsetzt, richtet Schaden an.
Wir sind alle rassistisch sozialisiert
Und jetzt der Teil, den wirklich niemand hören will. Nicht die Konservativen, die sagen „Ich bin kein Rassist, ich habe türkische Freunde.“ Und nicht die Progressiven, die sagen „Ich bin antirassistisch, ich habe die Bücher gelesen.“
El-Mafaalani schreibt: „Obwohl weniges derart stark geächtet wird wie Rassismus, ist er in unserer Kultur und Gesellschaft strukturell verankert – und er betrifft alle Menschen, entweder als Benachteiligte oder als Privilegierte.“
Ute Osterkamp formuliert es noch schärfer: Institutioneller Rassismus bedeutet, dass „die Einzelnen in Anpassung an die bestehenden Normen oder Anforderungen an diesen Diskriminierungen beteiligen, ohne sich unbedingt dessen bewusst zu sein oder dies zu beabsichtigen.“
Das heißt: Rassismus ist nicht (nur) eine Eigenschaft von bösen Menschen. Es ist eine Struktur, in der wir alle leben. In der wir alle sozialisiert wurden. Aus der keiner von uns einfach heraustreten kann, indem er die richtigen Bücher liest oder die richtigen Worte benutzt.
El-Mafaalani: „Wer nicht rassistisch sein möchte, muss sich mit Rassismus auseinandersetzen, darüber sprechen und aktiv werden.“
Das ist der entscheidende Satz. Rassismuskritik ist keine Endstation – „Ich habe verstanden, ich bin fertig.“ Es ist ein Prozess. Ein kontinuierlicher Prozess der Selbstreflexion. Und dieser Prozess erfordert eine Debatte, die offen genug ist, um Fehler zuzulassen.
Werkzeug, nicht Schwert
Die Frage „Ist Cem Özdemir ein Rassist?“ ist die falsche Frage. Sie führt in eine Sackgasse, egal wie man sie beantwortet.
Die richtige Frage lautet: Wie können wir über reale Probleme sprechen – patriarchale Gewalt, Integrationskonflikte, kulturelle Spannungen – ohne rassistische Muster zu reproduzieren? Und wie können wir problematische Formulierungen kritisieren, ohne den Menschen dahinter zu vernichten?
Rassismuskritik ist ein Werkzeug. Zur Selbstreflexion. Zur gesellschaftlichen Verbesserung. Zur Aufklärung über Strukturen, die wir oft nicht sehen, weil wir mitten in ihnen stehen.
Aber in dem Moment, wo wir dieses Werkzeug als Schwert benutzen – „Du bist Rassist, Debatte vorbei“ –, zerstören wir genau den Prozess, den wir brauchen.
Denn das Ergebnis ist vorhersehbar. Wer nicht über reale Probleme reden darf, ohne als Rassist gelabelt zu werden, hört auf zu reden. Die Leise-Fraktion wächst. Die Debatte verengt sich. Und wer redet dann, laut und ungehindert, über Migration, Integration, Sicherheit?
Die AfD.
Was wir stattdessen brauchen
Drei Dinge.
Erstens: Wissen teilen, nicht voraussetzen. Die Rassismusforschung hat in den letzten zwanzig Jahren enorme Fortschritte gemacht. El-Mafaalani, Terkessidis, Natasha Kelly und andere haben Begriffe und Modelle entwickelt, die helfen, Rassismus zu verstehen – als Struktur, nicht als moralisches Defizit. Dieses Wissen muss raus aus der akademischen Blase und rein in die öffentliche Debatte. Aber als Erklärung, nicht als Anklage.
Zweitens: Handlungen kritisieren, nicht Identitäten verurteilen. „Diese Formulierung reproduziert ein rassistisches Muster – hier ist warum“ ist produktiv. „Er IST ein Rassist“ ist destruktiv. Der Unterschied klingt klein. Er ist alles.
Drittens: Die Debatte offen halten. Auch für Leute, die die Bücher nicht gelesen haben. Auch für Leute, die gerade erst anfangen, über diese Fragen nachzudenken. Auch für Leute, die Fehler machen werden. Denn der einzige Ort, an dem man lernen kann, ist eine Debatte, die man nicht mit einem Todesurteil beginnt.
Ich sage nicht, dass Özdemirs Artikel perfekt war. War er nicht. Seine Formulierung „Männer mit Migrationshintergrund“ ist problematisch – weil sie eine Zuschreibung auf Basis von Äußerlichkeiten vornimmt und damit ein rassistisches Muster bedient. Das kann man kritisieren. Das sollte man kritisieren.
Aber die Antwort darauf darf nicht Vernichtung sein. Nicht Ausschluss. Nicht das Abschneiden jeder Möglichkeit, das Gespräch fortzusetzen.
Wir sind alle rassistisch sozialisiert. Das ist keine Beschuldigung. Das ist eine Tatsachenbeschreibung. Und die einzige angemessene Reaktion darauf ist nicht Empörung – sondern der Mut, darüber zu reden. Immer wieder. Besser als beim letzten Mal.
Auch Özdemir. Auch ich. Auch du.
Quellen:
- El-Mafaalani, Aladin: „Wozu Rassismus? Von der Erfindung der Menschenrassen bis zum rassismuskritischen Widerstand“, Kiepenheuer & Witsch, 2021
- Kalpaka, Annita / Räthzel, Nora et al. (Hrsg.): „Rassismus“, Argument Verlag (darin: Ute Osterkamp zu institutionellem Rassismus)
- Terkessidis, Mark: Vortrag „Institutionalisierter und struktureller Rassismus“, BpB-Dokumentation
- Özdemir, Cem: Gastbeitrag in der FAZ, September 2024
- Brockschmidt, Annika: X/Twitter, 28.09.2024
- Özvatan, Özgür: X/Twitter, 28.09.2024
- Jüdische Allgemeine: „Cem Özdemir, Diskursganoven und worüber eben doch gesprochen werden sollte“, Oktober 2024
- Özdemir bei Maischberger, ARD, Dezember 2025
- Başay-Yıldız, Seda: Facebook-Post nach BaWü-Wahl, 09.03.2026 (via taz)
- Statistisches Landesamt Baden-Württemberg: Vorläufiges Ergebnis Landtagswahl 2026